Grenzen technologischer Lösungen für die Kreislaufwirtschaft

Grenzen technologischer Lösungen für die Kreislaufwirtschaft

Technologien spielen eine wichtige Rolle bei der Etablierung einer Kreislaufwirtschaft. Es bedarf allerdings einer umfassenden Einbettung in kulturelle, rechtliche und organisatorische Rahmenprozesse, damit sie einen wirkungsvollen Beitrag zu den ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitszielen leisten können.  

Bild von einem Handy, das repariert wird

Technologien spielen eine wichtige Rolle bei der Etablierung einer Kreislaufwirtschaft. Es bedarf allerdings einer umfassenden Einbettung in kulturelle, rechtliche und organisatorische Rahmenprozesse, damit sie einen wirkungsvollen Beitrag zu den ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitszielen leisten können.

Technologische Innovationen können zur Gestaltung langlebiger Produkte und zur Förderung des Recyclings beitragen. Das Vorhaben, mit neuen und gezielt eingesetzten Technologien allein eine zirkuläre Wende zu vollbringen, würde jedoch an mehreren Faktoren scheitern. Beispielhaft seien hier mögliche Rebound-Effekte und strukturelle Hürden genannt.

Herausforderungen durch Rebound-Effekte

Rebound-Effekte entstehen, wenn Effizienzsteigerungen, die eigentlich Ressourceneinsparungen bringen sollten, zu einem erhöhten Konsum führen und somit die positiven Effekte zunichtemachen. Ein Beispiel hierfür ist die durch den Einsatz von Technologien optimierte Abfallsortierung: Alleine das Bewusstsein, dass die Wertstoffe dadurch weiter verwendet werden können, kann dazu führen, dass Akteure wie Unternehmen oder Enverbraucher*innen weniger motiviert sind, Abfälle primär zu vermeiden. Die Vermeidung hätte jedoch einen größeren ökologischen Nutzen. Werden hingegen technologische Ansätze mit Verhaltensänderungen bei den Nutzenden und neuen Geschäftsmodellen gekoppelt, kann das volle Potenzial technologischer Neuerungen richtig zur Geltung kommen – z.B., indem Kund*innen Produkte leihen, länger nutzen, reparieren und nach Nutzungsende zurückgeben, um Komponenten und Rohstoffe wieder in den Kreislauf zu bringen.

170 Mrd. €

ist die potenzielle Höhe des durch zirkuläre Maßnahmen freiwerdenden Einkommens

In der Studie “Modell Deutschland Circular Economy” kalkulieren die vom WWF beauftragten Forscher*innen mit umfassenden Maßnahmen zur Förderung der Circular Economy in Deutschland in neun Sektoren, durch die 170 Mrd € Einkommen frei werden könnten – Einkommen, das z.B. gespart oder in Dienstleistungen mit geringen Umweltwirkungen ausgegeben werden könnte oder aber in zusätzlichen Konsum fließen und damit beachtliche Rebound-Effekte auslösen könnte.[1]



Strukturelle Hürden für Technologieeinführung

Der Einsatz neuer Technologien ist außerdem mit hohen Investitionen verbunden und stellt für einzelne Unternehmen ein finanzielles Risiko dar. Schließen sie sich kooperativ zusammen, unterliegen sie sehr schnell den (zu Recht) strengen Auflagen des Kartellrechts.[2] Überhaupt ist ein derart kooperativer Ansatz bisher noch längst nicht für alle Unternehmen denkbar, da sie bisher noch der Kultur des Wettbewerbs unterliegen – hier ist daher auch eine Veränderung des unternehmerischen Mindsets notwendig. Derartige strukturelle Hürden, etwa im Hinblick auf finanzielle, organisatorische, kulturelle und rechtliche Rahmenbedingungen begrenzen die Wirkung rein technologischer Lösungen.

Was kann NRW tun?

    NRW hat u.a. im Förderprogramm Circular Cities.NRW erkannt, dass die Einbettung technologischer Lösungen in „neue Organisationsformen, Geschäftsmodelle, Kooperationen und technische und soziale Innovationen“[3] ein wichtiger Faktor für eine zirkuläre Wende ist. Mit dem Runden Tisch Zirkuläre Wertschöpfung NRW, initiiert durch die Ministerien für Umwelt, Naturschutz und Verkehr sowie für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie, wurde zudem eine wichtige Weiche Richtung mehr Kooperation zwischen allen beteiligten Akteuren gelegt. Über solche Ansätze hinaus wäre es nun wünschenswert, Aspekte wie rechtliche und kulturelle Rahmenbedingungen zusätzlich zu technologischen Lösungen in der neuen Landeskreislaufwirtschaftsstrategie zu verankern.

      Autorin

      Dr. Imke Schmidt,
      Co-Leiterin des Forschungsbereichs Zirkulärer Wandel

      Fußnoten

      1. Prakash, S. et al. (2023): Modell Deutschland Circular Economy. Modellierung und Folgenabschätzung einer Circular Economy in 9 Sektoren in Deutschland. Freiburg. Online unter: https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Unternehmen/WWF-Modell-Deutschland-Circular-Economy-Modellierung.pdf
      2. Sebis, G. (2023). Wettbewerbspolitik im Dienste der Nachhaltigkeit: Wie wird kartellrechtliche Regulatorik den Herausforderungen einer Kreislaufwirtschaft gerecht? Wuppertal Institut. Online unter: https://epub.wupperinst.org/frontdoor/deliver/index/docId/8502/file/8502_Wettbewerbspolitik.pdf
      3. https://www.in.nrw/massnahmen/circular-cities-nrw

      Kreislaufwirtschaft möglich machen: Das Recht auf Reparatur

      Kreislaufwirtschaft möglich machen: Das Recht auf Reparatur

      Produkte zu reparieren statt wegzuwerfen könnte Klima und Geldbeutel schonen – passiert in der Praxis aber immer seltener. Die Europäische Kommission hat daher jetzt ein „Recht auf Reparatur“ verabschiedet – aber was bedeutet das konkret? Und reicht es aus?

      Bild von einem Handy, das repariert wird

      Produkte zu reparieren statt wegzuwerfen könnte Klima und Geldbeutel schonen – passiert in der Praxis aber immer seltener. Die Europäische Kommission hat daher jetzt ein „Recht auf Reparatur“ verabschiedet – aber was bedeutet das konkret? Und reicht es aus?

      Wer in der Kreislaufwirtschaft Ressourcen möglichst effizient schonen will, muss bei der Nutzungsdauer von Produkten ansetzen. Produkte zu reparieren anstatt sie wegzuwerfen, wenn nur einzelne Komponenten nicht mehr funktionieren, klingt logisch und einleuchtend – passiert in der Praxis aber immer seltener. Die Reparaturbranche befindet sich seit Jahren in einer tiefen Krise, weil sich immer komplexere Produkte kaum noch rentabel reparieren lassen. Nach Angaben der Kommission entstehen in Europa pro Jahr durch die vorzeitige Entsorgung noch brauchbarer Konsumgüter 35 Mio. Tonnen Abfall. [1] Vor diesem Hintergrund ist die Europäische Kommission jetzt aktiv geworden, mit einem sogenannten „Recht auf Reparatur“.

      Was bedeutet das konkret für mich?

      Danach müssen Unternehmen in Zukunft für viele Produktgruppen eine Reparatur anbieten anstatt nur den Umtausch eines defekten Produkts, gleichzeitig verlängert sich die Garantiezeit eines Produkts durch die Reparatur automatisch um ein Jahr. Die Mitgliedstaaten werden verpflichtet, Reparatur durch konkrete Maßnahmen zu unterstützen und digitale Informationsangebote für Reparaturangebote zu schaffen.

      261 Mio. Tonnen CO2

      könnten in Europa jedes Jahr eingespart werden. [2]

      Diese Emissionen entstehen schätzungsweise durch die Entsorgung und Neuherstellung von Produkten, die eigentlich noch funktionsfähig wären. Die technische Haltbarkeit eines Handys liegt um etwa den Faktor 4 höher, als die tatsächliche Nutzungsdauer.

      Reicht das?

      Die neue Richtlinie der Europäischen Union tritt am 31. Juli 2026 in Kraft und bis dahin müssen die Mitgliedstaaten die Umsetzung der Richtlinie sorgfältig vorbereiten. Die Europäische Kommission schlägt unter anderem Reparaturgutscheine oder Weiterbildungsmaßnahmen vor.

      All diese Maßnahmen sind richtig und wichtig, sie müssen jedoch eingebettet werden in Strategien, die auf eine grundsätzliche Veränderung von Geschäftsmodellen abzielen: Solange Unternehmen eine höhere Rendite erzielen, wenn sie schlecht reparierbare Geräte anbieten, werden sie kaum einen Anreiz haben, in die Reparaturfähigkeit ihrer Produkte zu investieren. Ein zentraler Ansatzpunkt ist die Herstellerverantwortung: Wer Produkte mit einer unnötig kurzen Nutzungsdauer anbietet, sollte von vornherein eine höhere Gebühr zahlen, um dieses überhaupt auf dem Markt anzubieten. Zudem sollten die Kosten für Sammlung und Verwertung, die heute gleichmäßig über alle Hersteller verteilt werden, die tatsächliche Nutzungsdauer berücksichtigen – was in Zukunft über digitale Produktpässe möglich werden wird

      Was tut NRW?

        Mit dem Förderprogramm Circular Cities unterstützt NRW Städte und Kreise, die sich aus dem Recht auf Reparatur ergebenden Chancen auch in die Praxis umzusetzen. In Wuppertal wird aktuell eine App entwickelt, die für kaputte Produkte per KI-Erkennung den nächsten Reparaturbetrieb findet. 2025 wird ein Projekt starten, das die regionalökonomischen Effekte eines Reparaturbonus in Echtzeit abbilden soll. Speziell für die öffentliche Beschaffung, damit das Land NRW seine Vorbildfunktion erfüllen kann, wird es aber noch Unterstützung brauchen, reparierfähige Produkte zu priorisieren. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz NRW sieht das zwar vor, in der Praxis sind die Vergabestellen ohne verbindliche Kennwerte wie in Frankreich kaum in der Lage, das auch umzusetzen.

          Autor

          Prof. Dr. Henning Wilts, Leiter der
          Abteilung Kreislaufwirtschaft

          Fußnoten

          1. Europäische Kommission (2023): Right to repair: Commission introduces new consumer rights for easy and attractive repairs, Pressemitteilung, online unter: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/ip_23_1794 (zuletzt aufgerufen am 18.11.2024).
          2. Ebd.

          Kommunen interaktiv in die Kreislaufwirtschaft führen

          Kommunen interaktiv in die Kreislaufwirtschaft führen

          Im Rahmen des Projektes bergisch.circular wurde ein interaktiver Leitfaden für Kommunen entwickelt, der nicht nur theoretisches Wissen vermittelt, sondern auch konkrete Tools, Praxisbeispiele und rechtliche Orientierung rund um das Thema Kreislaufwirtschaft bietet.

          Bild von einem Bildschirm, auf dem die Startseite des interaktiven BluePrints "Zirkuläre Prozesse in Kommunen" gezeigt wird

          Der steigende Wohlstand und das Bevölkerungswachstum führen weltweit zu einem immer höheren Ressourcenverbrauch – mit schädlichen Folgen für den Planeten und uns Menschen. Kreislaufwirtschaftliche Ansätze wie z. B. Recycling und Wiederverwendung bieten nachhaltige Lösungen, indem sie Ressourcen länger nutzen und den Bedarf an neuen Rohstoffen senken. Kommunen spielen bei der Umsetzung der Transformation eine zentrale Rolle, da sie viele Ressourcen managen, etwa im Abfallbereich, beim Bau kommunaler Gebäude und in der öffentlichen Beschaffung.

          Überproportionales Wachstum

          Derzeitige Wirtschaftsstrukturen sorgen für hohen Ressourcenverbrauch

          Bis 2060 wird sich der globale Ressourcenverbrauch im Vergleich zu 2017 voraussichtlich verdoppeln, während die Weltbevölkerung nur um 26 % wächst [1] [2] – ein klares Zeichen für die notwendige Transformation!

          Ressourcenschonung im Bergischen Städtedreieck

          Das Projekt bergisch.circular treibt die Kreislaufwirtschaft in den Stadtverwaltungen des Bergischen Städtedreiecks voran, mit Fokus auf zirkulärem Bauen, nachhaltiger öffentlicher Beschaffung und Abfallvermeidung. Gemeinsam wurden Vorhaben wie eine Pilotsammlung für Altmatratzen angestoßen, um Ressourcen effizienter zu nutzen.

          Kreislaufwirtschaft handhabbar machen

          Damit auch andere Kommunen den Weg zur Kreislaufwirtschaft einschlagen können, wurde in dem Projekt ein interaktiver Leitfaden, der „Blueprint“, entwickelt. Dieser Leitfaden bündelt Erkenntnisse aus bergisch.circular und bietet u. a. praxisnahe Beispiele, Literaturempfehlungen sowie Tools wie einen Textbaustein-Katalog für zirkuläre Kriterien in Ausschreibungen. [3]

          Der Leitfaden ermöglicht eine einfache Navigation durch Themen zur Kreislaufwirtschaft und bietet vertiefendes Begleitmaterial. Ziel ist es, Kommunen deutschlandweit zur Ressourcemschonung zu inspirieren. Insb. für NRW, das derzeit stark auf Grundstoffe ausgerichtet ist, spielt die Transformation eine entscheidende Rolle für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit. [4]

            Autor*innen

            Maike Demandt, Researcherin
            im Forschungsbereich Zirkuläre Systeme

            Dominik Martin, Researcher
            im Forschungsbereich Zirkulärer Wandel

            Fußnoten

            1. OECD (2019): „Global Material Resources Outlook to 2060: Economic Drivers and Environmental Consequences“, OECD Publishing. Paris. online unter: https://doi.org/10.1787/9789264307452-en (zuletzt aufgerufen am 7.11.2024).
            2. UN DESA (Population Division) (2024): „Prognose zur Entwicklung der Weltbevölkerung von 1950 bis 2100 (in Milliarden)“, online unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1717/umfrage/prognose-zur-entwicklung-der-weltbevoelkerung/ (zuletzt aufgerufen am 7.11.2024).
            3. Neue Effizienz (2024): „Blueprint: Zirkuläre Prozesse in Kommunen“, online unter: https://bergisch-circular.de/wp-content/uploads/sites/3/2024/09/Blueprint-bergisch.circular-1.2.pdf (zuletzt aufgerufen am 7.11.2024).
            4. Wilts, H., Berg, H., Seyring, N., Vahle, T., Herrmann, S., Kick, M., Müller-Kirschbaum, T. (2022): „NRW 2030: Von der fossilen Vergangenheit zur zirkulären Zukunft“, online unter: https://wupperinst.org/fileadmin/redaktion/downloads/projects/NRW2030_Zirkulaere_Zukunft.pdf (zuletzt aufgerufen am 7.11.2024).
            Klimaschutz ist Menschenrecht

            Klimaschutz ist Menschenrecht

            Die Präjudizwirkung der Entscheidung über die Klage der Klimaseniorinnen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist nicht zu unterschätzen und könnte gerade für Unternehmen der Energiewirtschaft und Industrie bedeutsam sein.

            Leute, die Banner halten.

            Die Präjudizwirkung der Entscheidung über die Klage der Klimaseniorinnen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist nicht zu unterschätzen und könnte gerade für Unternehmen der Energiewirtschaft und Industrie bedeutsam sein.

            Am 09.04.2024 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in einer richtungsweisenden Entscheidung der Beschwerde der Klimaseniorinnen stattgegeben (Urt. v. 09.04.2024, Verein Klimaseniorinnen Schweiz and Others v. Switzerland, Application no. 53600/20). Dadurch hat die erste internationale Klimaklage Erfolg gehabt.[1] Das ist aus politischer und juristischer Sicht eine große Errungenschaft für die internationale Klimabewegung und eine Zeitenwende für die Rechtsprechung des EGMR zur Verbindung zwischen Menschenrechten und Klimaschutz.

            Klimawandel als Gefahr für die Gesundheit

            Der EGMR bestätigte in seinem Urteil, dass unzureichende Klimaschutzmaßnahmen zu Gefahren für die Gesundheit und weiteren Menschenrechten von Personen führen können.[2] Um diesen potenziellen Menschenrechtsverletzungen zu begegnen, müssen Staaten also ehrgeizigere Maßnahmen ergreifen. Täten sie dies nicht, drohten Menschenrechtsverletzungen. Menschenrechte werden also als argumentatives Vehikel verwendet, um mehr Klimaschutz einzufordern.[3]
            Aus juristischer Perspektive ist besonders spannend, dass der EGMR dem Verein der Klimaseniorinnen mit dem Urteil eine Beschwerdebefugnis im Sinne der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) zugestanden hat [4], den individuellen Kläger*innen jedoch keine Opfereigenschaft nach Art. 34 EMRK [5]. Im Wesentlichen hat er hierzu ausgeführt, dass die Hürden für die individuelle Opfereigenschaft sehr hoch sind, da es einer hohen Intensität der nachteiligen Auswirkungen sowie eines dringenden Schutzbedürfnisses bedarf. Allerdings hat er anerkannt, dass ein Verein für seine Mitglieder beschwerdebefugt sein kann, um ihre menschenrechtlichen Interessen zu vertreten. Im Kern hat dies zur Folge, dass Klimaklagen für individuelle Beschwerdeführende nur unter Wahrung größerer Hürden möglich sind, Vereine zur (kollektiven) Durchsetzung von Menschenrechten im Rahmen des Klimaschutzes jedoch eine größere Bedeutung spielen dürften.

            Die Rolle internationaler Gerichtsentscheide

            Auch wenn Fälle, die wie die Beschwerde der Klimaseniorinnen nach Art. 46 EMRK nur die direkt am Verfahren Beteiligten binden, generieren solche Urteile für das Handeln der Mitgliedstaaten der Europäischen Menschenrechtskonvention Orientierungswirkung [6]: Juristisch gesprochen haben sie eine Präjudizwirkung. Auch außerhalb des Europarates kann das Urteil die Entscheidungsfindung anderer internationaler Gerichte prägen, indem etwa Argumente entliehen werden.

            Präjudizwirkung

            hat eine gerichtliche Entscheidung, die für folgende Verfahren richtungsweisend ist.

            Nationalstaaten, die nicht am Verfahren beteiligt waren, und ihre nationalen Gerichte haben keine aus der Europäischen Menschenrechtskonvention erwachsene Pflicht, das Urteil des EGMR zu berücksichtigen. Manchmal erwächst diese Pflicht jedoch aus der nationalen Rechtsprechung. So auch in Deutschland, wo das Bundesverfassungsgericht in seiner Rechtsprechung hervorgehoben hat, dass Entscheidungen des EGMR im Kern zu berücksichtigen sind. Im Übrigen orientieren sich viele Staaten an den Entscheidungen des EGMR, weil dieser in aller Regel auf vergangene Rechtsprechung zurückgreift, um seine Entscheidungen zu treffen.

            Die Entscheidung des EGMR ist auch deshalb besonders, weil sich ein internationales Gericht erstmals intensiv mit Klimaklagen auseinandergesetzt hat. In den vergangenen Jahren haben Gerichtsverfahren, die darauf abzielen, Staaten und Unternehmen für klimabedingte Schäden und Klimaanpassungen zur Rechenschaft zu ziehen, deutlich zugenommen. In einem Bericht von UNEP wurden für 2022 in Summe 2.180 derartige Verfahren in 65 verschiedenen Jurisdiktionen identifiziert. [7]

            Saúl vs. RWE in NRW

            In NRW klagt sich seit 2015 der peruanische Landwirt Saúl gegen den Energiekonzern RWE durch die juristischen Instanzen. Sein Heimatdorf liegt nahe einem Berghang und läuft potenziell Gefahr, aufgrund einer zunehmenden Gletscherschmelze – die durch den Klimawandel beschleunigt wird – von einer Flutwelle erfasst zu werden. Er möchte das Unternehmen RWE dabei in die Pflicht nehmen, einen stärkeren Klimaschutz zu betreiben.
            Allein die Entscheidung, dass im Rahmen des Verfahrens in die Beweisaufnahme eingetreten wurde, lässt es hervorstechen, da ein Gericht erstmals in Erwägung zieht, dass ein Unternehmen für den Klimawandel juristisch mitverantwortlich sein könnte. Zudem ist die Klage sehr innovativ, weil der rechtliche Anknüpfungspunkt § 1004 BGB ist – eine Vorschrift, die eigentlich Eigentumsstörungen in nachbarschaftlichen Verhältnissen regelt. Im hiesigen Verfahren soll sie jedoch angewandt werden, um rechtliche Verpflichtungen im Rahmen einer Art „globaler Nachbarschaft” zu erzeugen. [8]

            Einfluss der Entscheidung des EGMR auf das Verfahren Saúl v. RWE

              In der Vergangenheit haben sich Gerichte auf internationaler Ebene bereits gegenseitig beeinflusst, indem Argumente aus anderen Verfahren repliziert, aufgenommen und ggf. auf die eigene Rechtsordnung angepasst angewandt wurden. [9] Gerade für Klimaklagen ist dies aufgrund ihrer globalen Bedeutung von hoher Relevanz.
              Auch wenn die beiden Verfahren strukturell anders gelagert sind, könnte das EGMR-Urteil auf das laufende Verfahren in NRW Einfluss haben: Der EGMR misst dem Klimaschutz nunmehr eine große Bedeutung zu. Zudem hat die Entscheidung in Sachen Klimaseniorinnen die überaus wichtige Verknüpfung zwischen Menschenrechten und Klimaschutz hergestellt. Dies könnte auch deutsche Gerichte dazu inspirieren, bei der Ausgestaltung unternehmerischer und staatlicher Pflichten Klimaschutz ein großes Gewicht einzuräumen und in Zweifelsfällen auch Vorrang zu gewähren. Da Klimaschutz nun auch auf europäischer Ebene rechtlich eine besonders große Bedeutung spielt, könnten die deutschen Gerichte den § 1004 BGB klimafreundlich auslegen. [10] In den Niederlanden wurde beispielsweise schon im Jahre 2019 eine zivilrechtliche Klausel klimafreundlich ausgelegt. Der Beschluss des EGMR hebt die Bedeutung des Klimaschutzes auf eine neue Ebene und könnte die Entscheidungsfindung der deutschen Gerichte damit entscheidend prägen. Hinzu kommt, dass der Fall ggf. ebenfalls vor dem EGMR landen könnte – in diesem Fall dürfte der Beschluss im Fall der Klimaseniorinnen eine überragende Bedeutung für die weitere Rechtsprechung des EGMR haben.

              Fazit

              Insgesamt ist davon auszugehen, dass der Beschluss des EGMR eine hohe Signalwirkung für weitere Rechtsprechung in Europa haben wird. Im NRW-Kontext könnte er für Unternehmen der Energiewirtschaft und der Industrie sehr bedeutsam sein. Im Verfahren Saúl v. RWE dürften unternehmerische Pflichten zur Begegnung des Klimaschutzes ausgelotet werden. Insofern müssten sich Unternehmen bei einem für die Klägerseite positiven Ausgang auf die Umsetzung weiterer Klimaschutzverpflichtungen vorbereiten. Saúl vs. RWE ist indes nur ein Beispiel für ein aktuelles Verfahren, auf das sich die Präjudizwirkung der erfolgreichen Klimaklage vor dem EGMR erstrecken könnte. Dies zeigt, dass eine (rechts-)wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Klimaklagen als innovatives Instrument der Klimagovernance immer wichtiger wird.

              Autor:

              Giacomo Sebis, Researcher im
              Forschungsbereich Zirkulärer Wandel

              Fußnoten

              1. Herzog, Christoph (9.4.2024): „Erste Klimaklage vor Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte erfolgreich“, online unter: https://www.haufe.de/sustainability/debatte/klimaklage-vor-europaeischem-gerichtshof-fuer-menschenrechte_575768_620426.html (zuletzt aufgerufen am 15.10.2024).
              2. Urt. v. 09.04.2024, Verein Klimaseniorinnen Schweiz and Others v. Switzerland, Application no. 53600/20, Rn. 574, 640online unter: https://hudoc.echr.coe.int/eng?i=001-233206 (zuletzt aufgerufen am 15.10.2024).
              3. Siehe zu menschenrechtsbasierten Klimalagen: Erkardt, Felix et al. (2023): „Judikative als Motor des Klimaschutzes? Bedeutung und Auswirkungen der Klimaklagen#Namen, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/11740/publikationen/2023-04-20_climate_change18-2023_judikative_motor_klimaschutz_1.pdf (zuletzt aufgerufen am 15.10.2024).
              4. Urt. v. 09.04.2024, Verein Klimaseniorinnen Schweiz and Others v. Switzerland, Application no. 53600/20, Rn. 525.
              5. Urt. v. 09.04.2024, Verein Klimaseniorinnen Schweiz and Others v. Switzerland, Application no. 53600/20, Rn. 535.
              6. Siehe hierzu: Wissenschaftliche Dienste des Bundestages (2016): „Zur innerstaatlichen Umsetzung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) sowie zur Durchsetzung und Wirkung von Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in Deutschland, Frankreich, Italien und Russland, im Vereinigten Königreich und in der Türkei“, S. 17, online unter: https://www.bundestag.de/resource/blob/482672/f9ace5e6e53fc37be870a3bbccbb85ed/wd-2-104-16-pdf-data.pdf (zuletzt aufgerufen am 08.07.2024).
              7. UNEP (2023): Global Climate Litigation Report, online unter: https://wedocs.unep.org/bitstream/handle/20.500.11822/43008/global_climate_litigation_report_2023.pdf?sequence=3 (zuletzt aufgerufen am 08.07.2024).
              8. Weitere Informationen zum Verfahren finden Sie online unter: https://rwe.climatecase.org/de (zuletzt aufgerufen am08.07.2024).
              9. Siehe zum Austausch zwischen Gerichten: Affolder, Natasha & Dzah, Godwin (2024): The Transnational Exchange of Law Through Climate Change Litigation, in: Sindico, Francesco et al, eds, Research Handbook on Climate Change Litigation, online unter: https://commons.allard.ubc.ca/cgi/viewcontent.cgi?article=1753&context=fac_pubs (zuletzt aufgerufen am 08.07.2024).
              10. Weitere Informationen zum Verfahren finden Sie online unter: https://en.milieudefensie.nl/climate-case-shell (zuletzt aufgerufen am 08.07.2024).

              Junge Menschen zu aktiven Mitgestalter*innen unserer Demokratie machen

              Junge Menschen zu aktiven Mitgestalter*innen unserer Demokratie machen

              Janine Winkler ist Geschäftsführerin des Landesjugendrings NRW und Mitglied des NRW-Nachhaltigkeitsbeirats. Wir haben sie gefragt, was passieren muss, damit junge Menschen sich weniger Sorgen um die Zukunft machen.
              Portrait von Janine Winkler

              Jugendbeteiligung und transformative BNE können junge Menschen zu aktiven Mitgestalter*innen unserer Demokratie machen.

              Liebe Frau Winkler, es ist Ihre Aufgabe, die Interessen junger Menschen zu vertreten. Wie stellen Sie sich eine effektive Nachhaltigkeitspolitik vor, die jungen Menschen ihre Sorgen nimmt und ihr Vertrauen in demokratische Parteien erhöht?

              Junge Menschen müssen die Erfahrung machen, dass ihre Stimme im politischen Prozess gehört wird und sich selbst als aktiv Mitgestaltende darin erleben. Studien wie die SINUS-Jugendstudie 2024 zeigen, dass junge Menschen sich durch Krisen wie den Klimawandel zunehmend belastet und bedroht fühlen. Gleichzeitig schildern viele das Gefühl, nicht wirklich etwas im politischen Geschehen beitragen zu können. Eine lebendige Jugendbeteiligung, die junge Menschen und ihre Vertretungen aktiv an nachhaltigkeitspolitischen Prozessen beteiligt, kann dieser Entwicklung entgegenwirken. Wichtig ist dabei allerdings, dass junge Menschen auf Augenhöhe beteiligt und ernst genommen werden. (Das Projekt #MitmischenNRW, ein Jugendbeteiligungsformat von Germanwatch e.V. und dem Landesjugendring NRW, kann als Beispiel für Jugendbeteiligung auf NRW-Landesebene dienen).

              Wenn Sie über NRW nachdenken, wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

              Fast jedes fünfte Kind oder Jugendliche*r in NRW wächst in (relativer) Armut auf. Die Folge für diese jungen Menschen ist, dass sie aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen, aber auch kulturellen oder politischen Lebens ausgegrenzt werden und weniger partizipieren können.
              Auch hinsichtlich der oben angesprochenen Jugendbeteiligungsformate ist das relevant: Wenn junge Menschen beteiligt werden, ist es essenziell, dass junge Menschen aus unterschiedlicher sozialer, aber auch finanzieller und kultureller Herkunft inkludiert werden. Die soziale Demografie in NRW ist von Vielfalt geprägt – diese muss auch in der Partizipation abgebildet werden. Dafür braucht es zielgruppengerechte Ansprache und Beteiligungsformate, die niedrigschwellig gestaltet sind.

              Mehr als die Hälfte junger Menschen misstraut der Regierung.

              Dies zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2024, in dem 18- bis 30-Jährige in Deutschland zu politischen Themen befragt wurden.

              52 % von ihnen geben an, der Regierung zu misstrauen, 45 % misstrauen dem Parlament. Ergänzend zeigt die SINUS-Jugendstudie 2024, dass junge Menschen der Politik oft zuschreiben, die aktuellen Krisen nicht lösen zu können. Wenn junge Menschen die Chance bekommen, politisch und gesellschaftlich mitzugestalten, kann ihnen das ein Gefühl der Selbstwirksamkeit geben und ein Vertrauen in die Demokratie wiederherstellen.

              In der Diskussion um die Umsetzung der integrierten Nachhaltigkeit im Sinne der Agenda 2030 und auch der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie sprechen wir sehr oft über Zielkonflikte. Die potenziellen Synergien gehen dabei nicht selten unter: Wo sehen Sie Synergien zwischen Nachhaltigkeitspolitik, Jugendpolitik und Demokratieförderung?

              Neben der vorher bereits angesprochenen Jugendbeteiligung verknüpft transformative Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ebenfalls die drei Themenfelder. Der Fokus liegt auf einer Bildung, die junge Menschen befähigt, Strukturen mitzugestalten und aktiv mitzumischen. Dieser Ansatz bewegt sich weg von einem Bildungsverständnis, in dem junge Menschen lediglich als Konsument*innen oder passive Mitglieder der Gesellschaft gesehen werden. In transformativer BNE geht es darum, Nachhaltigkeit aktiv selbst mitzugestalten – sei es in politischen Prozessen oder zum Beispiel im eigenen Kirchenverein oder der eigenen Universität. Junge Menschen erfahren dadurch Selbstwirksamkeit und werden zu aktiv mitgestaltenden Bürger*innen.

              Sie sind Mitglied im NRW-Nachhaltigkeitsbeirat. Welche Rolle sehen Sie für den Beirat in der Umsetzung einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitspolitik für NRW?

              Der NRW-Nachhaltigkeitsbeirat kann dank der vielfältigen Perspektiven seiner Mitglieder wertvolle Impulse in die Nachhaltigkeitspolitik geben – als Landesjugendring NRW bringen wir die Belange junger Menschen ein. Die Perspektiven, Bedarfe und Rechte dieser Zielgruppen immer wieder sichtbar zu machen und sich für diese einzusetzen – das ist der Beitrag, den der Beirat für eine ganzheitliche Nachhaltigkeitspolitik leisten kann.

              Autor*innen:

              Es handelt sich um ein schriftliches Interview.
              Die Fragen stellte Michaela Roelfes, Senior Researcherin
              im Forschungsbereich Stadtwandel

              Die Wärmewende für alle – was NRW tun kann, um sie einfacher und wirtschaftlicher zu machen

              Die Wärmewende für alle – was NRW tun kann, um sie einfacher und wirtschaftlicher zu machen

              Vor allem Mietende profitieren derzeit nicht immer, wenn die Vermietenden das Haus dämmen oder die Heizung erneuern lassen. Das ist ungerecht und erfordert daher politische Initiativen – auch im und durch das Land NRW.

              Gebäude im Rohbau auf einer Baustelle.

              Menschen in wirtschaftlich benachteiligten Haushalten wohnen überwiegend zur Miete. Damit für sie – aber auch andere Mieter*innen – die Warmmiete durch die Wärmewende nicht steigt, müsste die Bundesförderung zur energetischen Sanierung von Mietwohnungen verbessert werden. Aktuell ist sie jedoch bei der Heizungsumstellung für Eigenheime höher als im Mietwohnbereich. Eine Ungerechtigkeit, die völlig zurecht für Unverständnis sorgt und die Akzeptanz der Wärmewende unnötig gefährdet.

              Die Schieflage der Förderung,

              wer mehr bräuchte, erhält weniger.

              Damit die Warmmieten durch energetische Modernisierungen oder den Einbau von Wärmepumpen sinken statt zu steigen, wäre aktuell eine höhere Förderung nötig als für selbstnutzende Eigentümer*innen. Hauptgrund dafür ist die Modernisierungsumlage. Sie macht den Heizungstausch für die Vermietenden schon heute wirtschaftlich. Auch für das Eigenheim lohnt es sich bereits jetzt. Aktuell ist allerdings die Förderung für den Heizungstausch – umgekehrt zum Bedarf – für selbstnutzende Eigentümer*innen höher (meist zwischen 50 und bis zu 70%) als für Vermietende (maximal 35%). Weil Vermietende die Förderung von der Umlage abziehen müssen, verbessert eine höhere Förderung die Wirtschaftlichkeit für die Mietenden 

              In einem kürzlich veröffentlichten Zukunftsimpuls beschreiben wir, welche Maßnahmen zielführend sind für mehr soziale Gerechtigkeit und Akzeptanz bei der Wärmewende: Dafür müsste die Förderung von Maßnahmen zur energetischen Modernisierung und Heizungsumstellung bei Mietwohnungen kurzfristig um mindestens 20 Prozent erhöht und mit weiteren Maßnahmen flankiert werden. Nur so könnte die Wärmewende sozial ausgewogen gestaltet werden – eine wesentliche Voraussetzung, um die nationalen Klimaschutzziele zu erreichen und soziale Belange stärker zu berücksichtigen.

              Was NRW tun kann: Wirtschaftlichkeit verbessern

              Die wesentlichen Förderprogramme in diesem Bereich sind Bundessache. Die Landesregierung von NRW kann daher das Gewicht des Landes bei der Bundesregierung geltend machen und eine Bundesratsinitiative starten, um sich für die Erhöhung der Fördersätze einzusetzen.

              Aber das Land NRW kann auch selbst aktiv werden, um die Wirtschaftlichkeit von Wärmedämmung und Heizungstausch zu verbessern. So könnte die Landesregierung bei ihrem eigenen Förderprogramm zur Modernisierung von Wohnraum die Förderung von Eigentumswohnungen und Eigenheimen zugunsten der Förderung von vermieteten Wohnraum verändern.

              Die Wirtschaftlichkeit kann aber auch durch Bündelung von energetischen Modernisierungsprojekten erreicht werden. Sie macht zudem die Projekte für die Hauseigentümer*innen einfacher. Gerade in „Quartieren mit besonderem Erneuerungsbedarf“ sollte ein besonderes Management die Eigentümer*innen und Bewohner*innen durch aktive Ansprache und Beteiligung für Wärmewendeprojekte gewinnen und bei der schnellen, einfachen und kostengünstigen Umsetzung unterstützen, z.B. durch Projektbündelung und serielle Sanierung. Dies sollte eigentlich der Bund deutlich stärker fördern. Solange er dies nicht tut, empfiehlt es sich für das Land, in die Bresche zu springen, denn es gewinnt durch Fördermittel des Bundes, z.B. für serielle Sanierung oder die Sanierung von Worst-performing buildings, und durch Beschäftigungsimpulse sowie verbesserte Kaufkraft der Mieter*innen aufgrund der Energieeinsparung. Zudem sparen die Kommunen bei der Übernahme der Kosten der Unterkunft, wenn von den Modernisierungsmaßnahmen auch Haushalte profitieren, die derzeit staatliche Hilfen wie Bürgergeld beziehen.

              One-Stop-Shops,

              sind Anlaufstellen, die von der Beratung über die Unterstützung bei der Handwerkersuche bis zur Baubegleitung und Qualitätskontrolle alles aus einer Hand bieten. Dazu arbeiten die Kommunen mit Berater*innen, Planer*innen, Handwerks- und Fachbetriebe sowie ggf. Energieunternehmen und Banken zusammen 

              Was NRW tun kann: Wärmewende einfacher machen

              Das Land sollte sicherstellen, dass sogenannte One-Stop-Shops in allen Städten und/oder Landkreisen verfügbar sind. Gemäß der Verpflichtung in der Novelle der EU-Energieeffizienzrichtlinie für Gebäude (EU) 2024/1275, Artikel 18, müssen solche One-Stop-Shops jeweils für maximal 80.000 Einwohner*innen verfügbar sein.

              Auch das ist eigentlich Aufgabe des Bundes, aber das Land NRW kann Vorreiter sein und seine Initiative ALTBAUNEU ausbauen:

              ● auf möglichst alle Kommunen in NRW (z.Zt. ca. 50%);
              ● mit mehr Fördermitteln, so dass mehr aktives Marketing und aktive Ansprache von Gebäudeeigentümer*innen möglich wird, unter Nutzung der Erfahrungen bei Innovation City Bottrop und Rollout;
              ● mit dem Ziel, eine Funktion als vollständiger One-Stop-Shop, zu erreichen.

              Autor*innen

              Dr. Stefan Thomas, Leiter der
              Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik

              Oliver Wagner, Co-Leiter des
              Forschungsbereichs Energiepolitik

              Birte Schnurr, Researcherin im
              Forschungsbereich Energiepolitik

              Artensterben und Klimakrise gemeinsam betrachten

              Artensterben und Klimakrise gemeinsam betrachten

              Biologin Sandra Honigs ist seit 2008 stellvertretende Leiterin des Aquazoo Löbbecke Museum in Düsseldorf sowie Mitglied des NRW-Nachhaltigkeitsbeirats. Wir haben sie gefragt, wo sie aktuell die größten Herausforderungen und Chancen für die Biodiversität in NRW sieht.

              Biologin Sandra Honigs ist seit 2008 stellvertretende Leiterin des Aquazoo Löbbecke Museum in Düsseldorf. Wir haben sie gefragt, wo sie aktuell die größten Herausforderungen und Chancen für die Biodiversität in NRW sieht.

              Liebe Frau Honigs, Sie beschäftigen sich schon lange mit Biodiversitätsfragen und sind als stellvertretende Leiterin des Aquazoo im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung in NRW aktiv. Das Artensterben und die Biodiversitätskrise werden in der medialen und gesellschaftlichen Aufmerksamkeit häufig zur kleinen Schwester der Klimakrise gemacht. Wie denken Sie darüber?

              Sandra Honigs: Zwei der vier wichtigen Aufgaben der Zoowelt sind es, sich dem Artensterben und dem Verlust von Lebensräumen entgegen zu stellen und hier aktiv zu sein. Zum anderen informieren wir unsere Gäste durch Bildungsangebote, unsere Beschilderungen, Sonderaktionen und Veranstaltungen uvm., wie wichtig es ist, den Schatz der Biodiversität zu erhalten und aus welchen Gründen dies auch für unsere eigene gesunde Existenz einen positiven Effekt hat. Für mich persönlich gehört die Klimakrise mit dem Artensterben und dem Verlust der Biodiversität in ein großes Paket und muss gemeinsam betrachtet werden. Die Zusammenhänge in der Natur sind zu komplex, als dass sie getrennt werden könnten. Jeder noch so kleine Baustein ist wichtig, um die Konstruktion „Gesundes Leben auf der Erde“ zu tragen, denn alles hängt zusammen! Zum Beispiel lautet das Motto unserer Amphibien Schutz- und Zuchtstation im Aquazoo Löbbecke Museum „Quaken für das Klima!“. Denn wenn wir den natürlichen Lebensraum einer Amphibienart retten, seine Biologie bei uns in Haltung erforschen und wissen, was diese Art zum Leben braucht, können wir diese und andere in der Natur besser schützen. So bewahren wir, was auch das Klima zu schützen vermag, die Biologische Vielfalt und intakte Lebensräume.

              96 % ,

              der Säugetiere, die in den letzten 126.000 Jahren ausgestorben sind, hat der Mensch zu verantworten.

              Seit die Menschheit existiert, beeinflusst diese die Biologische Vielfalt. Die Wissenschaft verzeichnet seit den ersten Schritten des Menschen eine zunehmende Tendenz des Artensterbens, die uns besonders bei Säugetieren auffällt, jedoch auch bei den meisten anderen Tiergruppen und Pflanzenarten dramatisch zunimmt. Heute ist die Aussterberate um 1.700 mal höher, als zu Beginn des Pleistozäns.[2]

              Wenn Sie über NRW nachdenken, wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

              Sandra Honigs: In NRW ist es aufgrund der Bevölkerungsstärke sicherlich eine große Herausforderung alle Menschen gleichermaßen zu informieren und dort abzuholen, wo sie stehen. Es darf z.B. keinen Unterschied machen, aus welchem Elternhaus ein Kind kommt und wie es um familiäre Hintergründe bestellt ist, es muss für alle Menschen möglich sein, eine Bildung zu erhalten, bei der sie erfahren, wie wichtig der Erhalt der Biodiversität und der Schutz des Klimas ist und wie wir dies erreichen können. Hier sind Wege wichtig, die alle Menschen ihren Bedürfnissen nach ansprechen. Es wäre wünschenswert, Verständnis für die Thematik zu generieren, über die verschiedenen Gesellschaftsschichten, Interessen und Einkommenssituationen hinaus. Zudem können Lösungen zum Thema Mobilität eine wegweisende Rolle spielen, wenn wir hier etwas Positives in Hinblick auf das Thema Klimawandel entwickeln könnten. Hier liegen große Chancen für das Klima.

              In der Diskussion um die Umsetzung der integrierten Nachhaltigkeit im Sinne der Agenda 2030 und auch der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie, sprechen wir sehr oft über Zielkonflikte. Die potenziellen Synergien gehen dabei nicht selten unter: Wo sehen Sie Chancen für NRW, die Erreichung von SDG 14 – Leben unter Wasser – und SDG 15 – Leben an Land – mit anderen Nachhaltigkeitszielen zu verbinden?

              Sandra Honigs: Wenn wir uns mit der sehr komplexen Thematik der Nachhaltigkeit beschäftigen, treffen wir uns zwangsläufig beim Schutz des Lebens an Land und im Wasser wieder. Der Ökologe Prof. Dr. Josef Settele beschrieb in seinem Buch „Die Triple-Krise“ treffend, dass „die geschundenen Regenwälder, Ozeane und europäischen Blühwiesen wiederherzustellen – (…) den Planeten und die Gesundheit der Menschen“[1] retten würde. Wir verlieren in einem unnatürlichen Tempo Arten, Lebensräume und ganze Lebensgemeinschaften – Ökosysteme. So schlittert die Menschheit nicht in eine Krise, sondern ungebremst in eine Katastrophe. Viele SDGs bauen aufeinander auf bzw. ergänzen sich. Ein Beispiel: Durch hochwertige Bildung (SDG4) können wir Verständnis für natürliche Zusammenhänge erreichen und bei dem Menschen den Wunsch wecken, die Biodiversität zu erhalten. Wenn die Ökosysteme (SDG14 und SDG15) gesund bleiben, kann auch die Menschheit gesund bleiben (SDG3). In einer gesunden und funktionierenden Welt hätten Menschen auch sauberes Wasser (SDG6) und Nahrung (SDG2) zur Verfügung. Aber ohne globale Partnerschaften (SDG17) werden wir es nicht schaffen, die Menschen dort, wo der Klimawandel (SDG13) leider bereits unerbittlich zuschlägt und seine negativen Auswirkungen offenbart, sauberes Trinkwasser und Nahrung zur Verfügung zu stellen. Das ist natürlich sehr positiv und optimistisch gedacht, aber mit einer gesunden Umwelt gäbe es eine Basis.

              Sie sind Mitglied im NRW-Nachhaltigkeitsbeirat. Welche Rolle sehen Sie für den Beirat in der Umsetzung einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitspolitik für NRW?

              Sandra Honigs: Der NRW-Nachhaltigkeitsbeirat setzt sich aus unterschiedlichsten Menschen mit den verschiedensten beruflichen Schwerpunkten, Passionen und persönlichen Hintergründen zusammen. Wir vertreten zwar „eigene“ SDGs und besetzen so alle 17 Nachhaltigkeitsziele, befassen uns aber selbstverständlich auch mit allen 17 SDGs. Der Beirat ist so divers, wie die Nachhaltigkeitsziele und die Gesellschaft. Somit können wir uns hervorragend ergänzen, in Diskussion treten und unsere Chance nutzen die Landesregierung dahingehend zu beraten, kluge Entscheidungen für mehr Nachhaltigkeit zu treffen.

              Es handelt sich um ein schriftliches Interview.
              Die Fragen stellte Michaela Roelfes, Senior Researcherin
              im Forschungsbereich Stadtwandel

              Fußnoten

              1. Settele, J. (2020). Die Triple-Krise: Artensterben, Klimawandel, Pandemien: Warum wir dringend handeln müssen. Deutschland: Edel Books – ein Verlag der Edel Verlagsgruppe.
              2. Andermann, T., Faurby, S., Turvey, S. T., Antonelli, A., & Silvestro, D. (2020). The past and future human impact on mammalian diversity. Science advances, 6(36), eabb2313.

              Gendergerechtigkeit im Strukturwandel

              Gendergerechtigkeit im Strukturwandel

              Eine feministische Perspektive kann helfen, den Strukturwandel gerechter zu gestalten, wenn wir beginnen, den Herausforderungen mit einer kollektiven Fürsorgepflicht zu begegnen, anstatt sie als technokratische Probleme lösen zu wollen.

              Kinder laufen über ein Feld.

              Eine feministische Perspektive kann helfen, den Strukturwandel gerechter zu gestalten, wenn wir beginnen, den Herausforderungen mit einer kollektiven Fürsorgepflicht zu begegnen, anstatt sie als technokratische Probleme lösen zu wollen.

              Seit einiger Zeit macht ein Buch mit einem recht polemischen Titel die Runde: “Männer, die die Welt verbrennen” von Christian Stöcker hat es sogar kurzzeitig auf die Spiegel Bestsellerliste geschafft. Einige Jahre vor ihm beschrieb die Politikwissenschaftlerin Cara Daggett den Begriff “Petromaskulinität”, den technischen, affektiven, ideellen und materiellen Zusammenhang zwischen fossiler Wirtschaft und dem weißen Patriarchat[1]. Egal, ob Sie diese Begriffe als sperrig empfinden oder sogar als angriffslustig, es lohnt sich, einmal mit einer feministischen Brille auf den Strukturwandel in Kohleregionen wie das Rheinische Revier zu schauen. In unserem Forschungsprojekt “CINTRAN” haben wir, unter anderem, genau das gemacht.

              Unbezahlte Sorgearbeit als Bedingung für ökonomischen Erfolg

              Setzt man diese Brille auf, wird schnell sichtbar: Der Diskurs über die Folgen des Kohleausstiegs und den notwendigen Strukturwandel fokussierte vor allem auf Branchen, die von Männern dominiert werden. Es ging meistens um die Arbeiter im Braunkohletagebau und in den angrenzenden, energieintensiven Industrien, deren gut bezahlte, tarifgebundene und von Mitbestimmung geprägte Jobs durch den Ausstieg in Gefahr gerieten. Keine der verfügbaren Studien zu den Arbeitsplatzauswirkungen des Kohleausstiegs erhebt überhaupt, ob und wie viele Jobs von Frauen direkt oder indirekt von der Braunkohleverstromung abhängig waren oder sind.
              Schaut man sich im Gleichstellungsatlas die Daten für NRW an, dann gibt es viele Indizien dafür, dass im Rheinischen Revier die Erwerbstätigenquote von Frauen und vor allem Müttern insgesamt niedrig ist, Frauen mehr unbezahlte Sorgearbeit übernehmen und zu einem größeren Anteil in den Sorgearbeits-Berufen tätig sind. Die traditionelle Rollenverteilung wird zwar seltener, ist aber immer noch deutlich sichtbar. Das heißt auch, dass der ökonomische Erfolg der Kohleregion ohne unbezahlte Sorgearbeit von Frauen nicht in dieser Form möglich gewesen wäre.

              Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel

              Neues Policy Paper Caring for carbon-intensive regions in transition

              Das Europäische Forschungsprojekt “CINTRAN” hat seit Mai 2020 untersucht, welche Dynamiken und Muster beim Strukturwandel in Regionen zu beobachten sind. Es ging unter anderem um die Fragen, was Regionen mehr oder weniger vulnerabel macht und wie politische Antworten aussehen könnten. Vier Regionen in Europa – darunter das Rheinische Revier – wurden genauer untersucht, wobei auch Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Rechtspopulismus adressiert wurden.

              Geschlechtergerechtigkeit als Chance im Strukturwandel

              Der Strukturwandel im Rheinischen Revier kann daher auch als eine Chance betrachtet werden, die Gleichstellung von Frauen und Männern zu verbessern. Dafür müsste die Strukturpolitik allerdings eine Reihe von Maßnahmen beinhalten, die derzeit weniger im Fokus stehen:

              • Strukturpolitik im Rheinischen Revier sollte stärker die von Frauen dominierten Branchen in den Fokus nehmen, dort für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen sorgen (z. B. Erziehungsberufe, Pflegeberufe, etc.)
              • Strukturpolitik sollte mehr in die soziale Infrastruktur investieren – nicht nur in Form von Beton, sondern auch in Form von zusätzlichen Stellen und Angeboten für die Menschen im Revier
              • Strukturpolitik sollte für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Entscheidungsprozessen sorgen. Dafür braucht es ggf. neue Formate, die sich auch an Menschen wenden, die sich nur außerhalb der üblichen Geschäftszeiten engagieren können.
              • Strukturpolitik sollte auch den proaktiven Umgang mit entstehenden Konflikten in der Region und die Unterstützung für Haushalte in schwierigen Lagen adressieren.

              Dabei gehen wir davon aus, dass diese und weitere Maßnahmen, die weniger auf die Schaffung von Arbeitsplätzen in Industrie, Forschung und Entwicklung abzielen, gleichzeitig einen wertvollen Beitrag zur Attraktivität der Region leisten und damit die gefürchtete Abwanderung von Fachkräften und junge Menschen abfedern könnte.

              Strukturwandel ist Sorgearbeit

              Der Strukturwandel wird häufig als technisches oder zumindest technokratisches Problem gesehen, das man nur analysieren muss und dann mit passenden Projekten in einem vorgegebenen Budget und Zeitrahmen lösen kann. Im Austausch mit Stakeholdern aus verschiedenen europäischen Kohleregionen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass eine solche Problemlösungs-Logik zu kurz greift und wir hin müssen zu einer Fürsorge-Logik.
              Gemeinsam konnten wir der Analogie viel abgewinnen, den Strukturwandel mit der Erziehung von Kindern zu vergleichen. Wie Eltern gegenüber ihrer Kinder hat der Staat hat eine Pflicht, sich um die Strukturwandelregionen und die Menschen dort im wahrsten Sinne des Wortes zu kümmern. Strukturwandel braucht auch emotionale Arbeit. Gerechter Strukturwandel kann nur gelingen, wenn sich die Akteure gegenseitig vertrauen, genau wie in einer gesunden Beziehung zwischen Eltern und Kind. Und wie bei der Sorge für heranwachsende Kinder muss man auch in gewissem Maße Fehler und Scheitern zulassen. Und wie bei Kindern gilt, wenn es einer Region schlecht geht, benötigt sie mehr Zuwendung, das Projekt Strukturwandel einfach abzubrechen ist keine Option.

              Lukas Hermwillle, Forschungsbereichsleiter
              Transformative Industriepolitik

              Fußnoten

              1. Daggett, Clara (2018): Petro-masculinity: Fossil Fuels and Authoritarian Desire, in: Millenium 47 (1), S. 25-44, DOI: https://doi.org/10.1177/0305829818775817.

              Wir müssen verhindern, dass sich die gesellschaftliche Spaltung verschärft

              Wir müssen verhindern, dass sich die gesellschaftliche Spaltung verschärft

              Anja Weber ist Vorsitzende des DGB NRW und Mitglied des NRW-Nachhaltigkeitsbeirats. Wir haben Sie gefragt, wie wir Konflikte um unsere Zukunft besser lösen können.

              Porträt von Anja Weber

              Anja Weber ist Vorsitzende des DGB NRW und Mitglied des NRW-Nachhaltigkeitsbeirats. Wir haben Sie gefragt, wie wir Konflikte um unsere Zukunft besser lösen können.

              Liebe Frau Weber, Sie vertreten die Interessen der Arbeitnehmer*innen in NRW. Wenn wir über die Nachhaltigkeitstransformation reden, sprechen wir häufig über Konflikte. Die Suche nach Gemeinsamkeiten und Synergien geht da schnell unter. Wie können wir die Nachhaltigkeitspolitik so gestalten, dass sie die gemeinsamen Ziele und entsprechende Maßnahmen findet und stützt?

              Anja Weber: Wir können Nachhaltigkeit nur gestalten, wenn wir die Zielkonflikte offen ansprechen. Deshalb ist es uns als DGB wichtig, deutlich zu machen, dass Gute Arbeit und Sicherheit im Wandel für Arbeitnehmer*innen in allen Themenfeldern mitgedacht und eingeständig vorangetrieben werden muss. Aus der betrieblichen Mitbestimmung wissen wir, dass das offene Ansprechen von Konflikten am Ende zu besseren Lösungen führt. Denn Lösungen können erst dann wirklich tragen, wenn die unterschiedlichen Perspektiven zusammengeführt werden. Deshalb ist falsch, Nachhaltigkeit nur als Umweltschutz zu betrachten oder hier eine Priorisierung vorzunehmen.

              Als Interessenvertreterin der Arbeitnehmer*innen hatten Sie in den letzten Jahren eine große Aufgabe im Rheinischen Revier, wo bis heute die genaue Ausgestaltung einer proaktiven Strukturpolitik verhandelt wird. Können wir aus dem Strukturwandel dieser Region etwas für die integrierte Nachhaltigkeitspolitik lernen?

              Anja Weber: Einmal mehr wird auch im Rheinischen Revier deutlich, dass neue Arbeitsplätze für alle Qualifikationsstufen nicht automatisch entstehen. Das haben wir zuvor schon beim Strukturwandel im Ruhrgebiet erlebt. Ich bin froh, dass wir mittlerweile einen Konsens darüber haben, dass die Schaffung von neuen und guten Arbeitsplätze an die erste Stelle gestellt werden muss. Das bedeutet nicht, dass ökologische Fragen vernachlässigt werden.

              Sie sind Mitglied im NRW-Nachhaltigkeitsbeirat. Welche Rolle sehen Sie für den Beirat in der Umsetzung einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitspolitik für NRW?

              Anja Weber: Auch hier gilt es, alle Perspektiven zusammen zu bringen. Wir müssen verhindern, dass sich die gesellschaftliche Spaltung verschärft. Wir erleben derzeit in den Betrieben, dass die Skepsis gegenüber der ökologischen und sozialen Transformation wächst. Und zwar nicht, weil die Menschen die Ziele ablehnen, sondern weil sie das Vertrauen verlieren, dass es realistische Umsetzungspfade gibt. Wenn die Menschen das Gefühl bekommen, der Wandel wird vorrangig auf dem Rücken der Schwächeren ausgetragen, dann steigen sie aus. Damit verspielen wir auch die politischen Mehrheiten, die wir für den sozialen und ökologischen Wandel brauchen.

              Es handelt sich um ein schriftliches Interview.
              Die Fragen stellte Michaela Roelfes, Senior Researcherin im Forschungsbereich Stadtwandel

              Mehr Suffizienz wagen – so gelingt Klimaschutz für alle

              Mehr Suffizienz wagen – so gelingt Klimaschutz für alle

              Suffizienz ist die Strategie des rechten Maßes für Konsum und Produktion. Technische Klimaschutzmaßnahmen allein verfehlen ohne sie ihr Ziel. Suffizienz stellt für das Industrieland Nordrhein-Westfalen eine besondere Chance und Herausforderung dar.

              Menschen sitzen auf einer großen Wiese in einem Park und schauen in den Sonnenuntergang.

              Suffizienz ist die Strategie des rechten Maßes für Konsum und Produktion. Technische Klimaschutzmaßnahmen allein verfehlen ohne sie ihr Ziel. Suffizienz stellt für das Industrieland Nordrhein-Westfalen eine besondere Chance und Herausforderung dar.

              Suffizienz hat das Potenzial, die Energiewende und die Transformation der Wirtschaft zu ermöglichen. Nach aktuellen Suffizienzszenarien kann durch eine entsprechende, politische Rahmengebung die Energienachfrage bis zur Mitte des Jahrhunderts um 14 bis 25 Prozent reduzieren. Das ist auch dringend nötig, denn der Weltklimarat IPCC [1] und der deutsche Expertenrat für Klimafragen (EKR) [2] sind sich einig: Ohne Suffizienz bzw. “Aktivitätsreduktion” ist die Einhaltung der Klimaziele gefährdet. Suffizienz ist außerdem möglich, denn im Jahr 2022 haben Verbraucher*innen, Unternehmen und die öffentliche Hand ohne ad hoc fast ein Viertel des Gasverbrauchs eingespart. [3] Es bedarf aber keiner weiteren, geo- und friedenspolitischen Katastrophen, um suffizientes Verhalten nicht nur zu ermöglichen, sondern sogar zur attraktivsten Lösung zu machen: Kopenhagen zeigt seit langem, dass eine herausragende Infrastruktur den Umstieg auf das Fahrrad zur sinnvollsten Lösung macht. Auch der aktuelle Koalitionsvertrag der Bundesregierung [4] greift erste, kleinteilige Suffizienzmaßnahmen auf (z. B. im Kontext von Online-Handel und Werbung). Suffizienz sollte dabei auf keinen Fall missverstanden werden – es geht nicht darum, Bedürfnisse zu beschneiden und das Leben komplizierter zu machen, als es heute schon ist. Es geht im Gegenteil darum, einfache und (energie-)sparsame Formen zu finden, wie alltägliche Bedürfnisse wie Mobilität und Wohnen befriedigt werden können. Einschränkungen von Konsumhandlungen sollten ohnehin erst dann erfolgen, wenn attraktive Alternativen verfügbar sind.

              Suffizienz

              liegt zwischen Exzess und der Befriedigung von Grundbedürfnissen

              Am Wuppertal Institut definieren wir Suffizienz als Strategie zur Reduktion von Konsum- und Produktionsniveaus durch die Veränderungen sozialer Praktiken. Ziel ist, einerseits durch Vermeiden von Exzess und Überfluss ökologische Grenzen einzuhalten und andererseits allen Menschen die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse zu ermöglichen 

              Suffizienz ist mehr als individuelles Verhalten: die Politik setzt den Rahmen

              Ärmere Menschen leben häufig an vielbefahrenen Straßen [5] und in überbelegten Wohnungen [6]. Daher zählen sie zu den Profiteur*innen von Suffizienzpolitik, wenn diese gerecht gemacht wird. Sie profitieren, wenn sich durch suffizientes Mobilitätsverhalten das motorisierte Verkehrsaufkommen verringert und durch kluge Wohnraumpolitik [7] der Wohnraum bedürfnisorientiert verteilt wird.

              In politischen Prozessen gibt es für Suffizienz unzählige Stellschrauben, darunter zum Beispiel:

              • Große Wohnungsunternehmen in wachsenden Städten NRWs könnten eine Mindestbelegungsquote im Bestand einführen, wie es sie z. B. in Zürich gibt. [8]
              • Eine Mehrwertsteuersenkung auf pflanzliche Grundnahrungsmittel, kann die Portemonnaies der Bürger*innen entlasten.
              • Werbeverbote für klimaschädliche Produkte wie SUV und Kreuzfahrten können den Energieverbrauch und Ressourcenbedarf ebenfalls senken.

              Nordrhein-Westfalen kann Vorreiter der Suffizienzstrategie werden

              Suffizienz als politische Strategie ist in Nordrhein-Westfalen aufgrund der vergleichsweise hohen Siedlungsdichte und des Energieverbrauches besonders wichtig, um Flächen zu sparen und die Transformation zu 100 % erneuerbaren Energien zu schaffen. Die Gesellschaft in NRW kann noch viel tun, um weniger Energie zu verbrauchen – und überhaupt zu benötigen.

              Zukunftsimpuls:

              Suffizienzpolitik als Booster zum Erreichen der Klimaschutzziele

              Der aktuelle Zukunftsimpuls der Wuppertal Instituts zeigt, dass Suffizienzstrategien und -politik den Wandel bringen können – bei Konsum, Gebäuden, Verkehr, Kreislaufwirtschaft und Energie. Sie können ihn auf der Institutswebseite herunterladen.

              Aber wie kann ein sinkender Konsum mit wirtschaftlichem Erfolg kombiniert werden? In NRW gibt es dafür vielversprechende Ansatzpunkte. Vielleicht wird NRW in Zukunft “Export-Weltmeister” im Umbauen, Sanieren, Reparieren, und urbanen Produzieren? Die Kreislaufwirtschaft kann ein Einstiegspunkt in die Suffizienzdiskussion sein, denn fünf der neun Circular Economy-Strategien[9], der sogenannten R-Strategien, sind praktisch Suffizienz bzw. haben Suffizienzanteile – „Refuse“, „Rethink“, „Reduce“, „Reuse“ und „Repair”. Die räumliche Nähe von Schlüsselakteuren einer Kreislaufwirtschaft ist definitiv eine der Stärken von NRW. Die Etablierung einer erfolgreichen Kreislaufwirtschaft bietet das Potenzial, Suffizienz aus der “Verzichtsschublade” herauszuholen. Ein weiteres Leitbild für eine suffizienzkompatible Wirtschafts- und Produktionsweise wurde im Bergischen Städtedreieck unter dem Stichwort „Neue Urbane Produktion“ [10] entwickelt. Neue Urbane Produktion beschreibt gemeinwohlorientierte Produktionsstätten, welche Güter nutzer*innen-nah herstellen und/oder bearbeiten sowie überwiegend lokale Ressourcen und/oder Wertschöpfungsketten nutzen.

              Dr. Benjamin Best, Senior Researcher
              im Forschungsbereich Strukturwandel und Innovation

              Fußnoten

              1. IPPC (2022): „Climate Change 2022, Mitigation of Climate Change, Summary for Policymakers“, online unter: https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg3/downloads/report/IPCC_AR6_WGIII_SPM.pdf.
              2. Expertenrat für Klimafragen (2023): „Stellungnahme zum Entwurf des Klimaschutzprogramms 2023“, online unter: https://expertenrat-klima.de/content/uploads/2023/09/ERK2023_Stellungnahme-zum-Entwurf-des-Klimaschutzprogramms-2023.pdf.
              3. Ruhnau, O., Stiewe, C., Muessel, J. et al. (2023): „Natural gas savings in Germany during the 2022 energy crisis“, online unter: https://www.nature.com/articles/s41560-023-01260-5.
              4. SPD, Bündnis 90/ Die Grünen, FDP (2021): „Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90/ Die Grünen und FDP“, online unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/gesetzesvorhaben/koalitionsvertrag-2021-1990800.
              5. Umweltbundesamt (2023): „Umweltgerechtigkeit – Umwelt, Gesundheit und soziale Lage“, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/umwelteinfluesse-auf-den-menschen/umweltgerechtigkeit-umwelt-gesundheit-soziale-lage#umweltgerechtigkeit-umwelt-gesundheit-und-soziale-lage.
              6. Eurostat (2023): „Overcrowding rate by age, sex and poverty status – total population – EU-SILC survey“, online unter: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/ILC_LVHO05A__custom_8530615/default/table?lang=en.
              7. Bierwirth A., Buschka, M. (2023): „Wohnraumsuffizienz ermöglichen“, online unter: https://nachhaltigkeitsradar.nrw/wohnraumsuffizienz-ermoeglichen.
              8. Heintze, D. (2023): „Niemand redete von Umzugszwang…“, online unter: https://chrismon.evangelisch.de/kolumnen/wohnlage/wieso-die-pflicht-zum-wohnungstausch-in-zuerich-gerecht-ist.
              9. Deutsches Institut für Normung (o. A.): „Modell der R-Strategien“, online unter: https://www.din.de/de/forschung-und-innovation/themen/circular-economy/normenrecherche/modell-der-r-strategien.
              10. „Neue Urbane Produktion“, online unter: https://www.din.de/de/forschung-und-innovation/themen/circular-economy/normenrecherche/modell-der-r-strategien.