Die Wärmewende für alle – was NRW tun kann, um sie einfacher und wirtschaftlicher zu machen

Die Wärmewende für alle – was NRW tun kann, um sie einfacher und wirtschaftlicher zu machen

Vor allem Mietende profitieren derzeit nicht immer, wenn die Vermietenden das Haus dämmen oder die Heizung erneuern lassen. Das ist ungerecht und erfordert daher politische Initiativen – auch im und durch das Land NRW.

Gebäude im Rohbau auf einer Baustelle.

Menschen in wirtschaftlich benachteiligten Haushalten wohnen überwiegend zur Miete. Damit für sie – aber auch andere Mieter*innen – die Warmmiete durch die Wärmewende nicht steigt, müsste die Bundesförderung zur energetischen Sanierung von Mietwohnungen verbessert werden. Aktuell ist sie jedoch bei der Heizungsumstellung für Eigenheime höher als im Mietwohnbereich. Eine Ungerechtigkeit, die völlig zurecht für Unverständnis sorgt und die Akzeptanz der Wärmewende unnötig gefährdet.

Die Schieflage der Förderung,

wer mehr bräuchte, erhält weniger.

Damit die Warmmieten durch energetische Modernisierungen oder den Einbau von Wärmepumpen sinken statt zu steigen, wäre aktuell eine höhere Förderung nötig als für selbstnutzende Eigentümer*innen. Hauptgrund dafür ist die Modernisierungsumlage. Sie macht den Heizungstausch für die Vermietenden schon heute wirtschaftlich. Auch für das Eigenheim lohnt es sich bereits jetzt. Aktuell ist allerdings die Förderung für den Heizungstausch – umgekehrt zum Bedarf – für selbstnutzende Eigentümer*innen höher (meist zwischen 50 und bis zu 70%) als für Vermietende (maximal 35%). Weil Vermietende die Förderung von der Umlage abziehen müssen, verbessert eine höhere Förderung die Wirtschaftlichkeit für die Mietenden 

In einem kürzlich veröffentlichten Zukunftsimpuls beschreiben wir, welche Maßnahmen zielführend sind für mehr soziale Gerechtigkeit und Akzeptanz bei der Wärmewende: Dafür müsste die Förderung von Maßnahmen zur energetischen Modernisierung und Heizungsumstellung bei Mietwohnungen kurzfristig um mindestens 20 Prozent erhöht und mit weiteren Maßnahmen flankiert werden. Nur so könnte die Wärmewende sozial ausgewogen gestaltet werden – eine wesentliche Voraussetzung, um die nationalen Klimaschutzziele zu erreichen und soziale Belange stärker zu berücksichtigen.

Was NRW tun kann: Wirtschaftlichkeit verbessern

Die wesentlichen Förderprogramme in diesem Bereich sind Bundessache. Die Landesregierung von NRW kann daher das Gewicht des Landes bei der Bundesregierung geltend machen und eine Bundesratsinitiative starten, um sich für die Erhöhung der Fördersätze einzusetzen.

Aber das Land NRW kann auch selbst aktiv werden, um die Wirtschaftlichkeit von Wärmedämmung und Heizungstausch zu verbessern. So könnte die Landesregierung bei ihrem eigenen Förderprogramm zur Modernisierung von Wohnraum die Förderung von Eigentumswohnungen und Eigenheimen zugunsten der Förderung von vermieteten Wohnraum verändern.

Die Wirtschaftlichkeit kann aber auch durch Bündelung von energetischen Modernisierungsprojekten erreicht werden. Sie macht zudem die Projekte für die Hauseigentümer*innen einfacher. Gerade in „Quartieren mit besonderem Erneuerungsbedarf“ sollte ein besonderes Management die Eigentümer*innen und Bewohner*innen durch aktive Ansprache und Beteiligung für Wärmewendeprojekte gewinnen und bei der schnellen, einfachen und kostengünstigen Umsetzung unterstützen, z.B. durch Projektbündelung und serielle Sanierung. Dies sollte eigentlich der Bund deutlich stärker fördern. Solange er dies nicht tut, empfiehlt es sich für das Land, in die Bresche zu springen, denn es gewinnt durch Fördermittel des Bundes, z.B. für serielle Sanierung oder die Sanierung von Worst-performing buildings, und durch Beschäftigungsimpulse sowie verbesserte Kaufkraft der Mieter*innen aufgrund der Energieeinsparung. Zudem sparen die Kommunen bei der Übernahme der Kosten der Unterkunft, wenn von den Modernisierungsmaßnahmen auch Haushalte profitieren, die derzeit staatliche Hilfen wie Bürgergeld beziehen.

One-Stop-Shops,

sind Anlaufstellen, die von der Beratung über die Unterstützung bei der Handwerkersuche bis zur Baubegleitung und Qualitätskontrolle alles aus einer Hand bieten. Dazu arbeiten die Kommunen mit Berater*innen, Planer*innen, Handwerks- und Fachbetriebe sowie ggf. Energieunternehmen und Banken zusammen 

Was NRW tun kann: Wärmewende einfacher machen

Das Land sollte sicherstellen, dass sogenannte One-Stop-Shops in allen Städten und/oder Landkreisen verfügbar sind. Gemäß der Verpflichtung in der Novelle der EU-Energieeffizienzrichtlinie für Gebäude (EU) 2024/1275, Artikel 18, müssen solche One-Stop-Shops jeweils für maximal 80.000 Einwohner*innen verfügbar sein.

Auch das ist eigentlich Aufgabe des Bundes, aber das Land NRW kann Vorreiter sein und seine Initiative ALTBAUNEU ausbauen:

● auf möglichst alle Kommunen in NRW (z.Zt. ca. 50%);
● mit mehr Fördermitteln, so dass mehr aktives Marketing und aktive Ansprache von Gebäudeeigentümer*innen möglich wird, unter Nutzung der Erfahrungen bei Innovation City Bottrop und Rollout;
● mit dem Ziel, eine Funktion als vollständiger One-Stop-Shop, zu erreichen.

Autor*innen

Dr. Stefan Thomas, Leiter der
Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik

Oliver Wagner, Co-Leiter des
Forschungsbereichs Energiepolitik

Birte Schnurr, Researcherin im
Forschungsbereich Energiepolitik

Gendergerechtigkeit im Strukturwandel

Gendergerechtigkeit im Strukturwandel

Eine feministische Perspektive kann helfen, den Strukturwandel gerechter zu gestalten, wenn wir beginnen, den Herausforderungen mit einer kollektiven Fürsorgepflicht zu begegnen, anstatt sie als technokratische Probleme lösen zu wollen.

Kinder laufen über ein Feld.

Eine feministische Perspektive kann helfen, den Strukturwandel gerechter zu gestalten, wenn wir beginnen, den Herausforderungen mit einer kollektiven Fürsorgepflicht zu begegnen, anstatt sie als technokratische Probleme lösen zu wollen.

Seit einiger Zeit macht ein Buch mit einem recht polemischen Titel die Runde: “Männer, die die Welt verbrennen” von Christian Stöcker hat es sogar kurzzeitig auf die Spiegel Bestsellerliste geschafft. Einige Jahre vor ihm beschrieb die Politikwissenschaftlerin Cara Daggett den Begriff “Petromaskulinität”, den technischen, affektiven, ideellen und materiellen Zusammenhang zwischen fossiler Wirtschaft und dem weißen Patriarchat[1]. Egal, ob Sie diese Begriffe als sperrig empfinden oder sogar als angriffslustig, es lohnt sich, einmal mit einer feministischen Brille auf den Strukturwandel in Kohleregionen wie das Rheinische Revier zu schauen. In unserem Forschungsprojekt “CINTRAN” haben wir, unter anderem, genau das gemacht.

Unbezahlte Sorgearbeit als Bedingung für ökonomischen Erfolg

Setzt man diese Brille auf, wird schnell sichtbar: Der Diskurs über die Folgen des Kohleausstiegs und den notwendigen Strukturwandel fokussierte vor allem auf Branchen, die von Männern dominiert werden. Es ging meistens um die Arbeiter im Braunkohletagebau und in den angrenzenden, energieintensiven Industrien, deren gut bezahlte, tarifgebundene und von Mitbestimmung geprägte Jobs durch den Ausstieg in Gefahr gerieten. Keine der verfügbaren Studien zu den Arbeitsplatzauswirkungen des Kohleausstiegs erhebt überhaupt, ob und wie viele Jobs von Frauen direkt oder indirekt von der Braunkohleverstromung abhängig waren oder sind.
Schaut man sich im Gleichstellungsatlas die Daten für NRW an, dann gibt es viele Indizien dafür, dass im Rheinischen Revier die Erwerbstätigenquote von Frauen und vor allem Müttern insgesamt niedrig ist, Frauen mehr unbezahlte Sorgearbeit übernehmen und zu einem größeren Anteil in den Sorgearbeits-Berufen tätig sind. Die traditionelle Rollenverteilung wird zwar seltener, ist aber immer noch deutlich sichtbar. Das heißt auch, dass der ökonomische Erfolg der Kohleregion ohne unbezahlte Sorgearbeit von Frauen nicht in dieser Form möglich gewesen wäre.

Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel

Neues Policy Paper Caring for carbon-intensive regions in transition

Das Europäische Forschungsprojekt “CINTRAN” hat seit Mai 2020 untersucht, welche Dynamiken und Muster beim Strukturwandel in Regionen zu beobachten sind. Es ging unter anderem um die Fragen, was Regionen mehr oder weniger vulnerabel macht und wie politische Antworten aussehen könnten. Vier Regionen in Europa – darunter das Rheinische Revier – wurden genauer untersucht, wobei auch Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Rechtspopulismus adressiert wurden.

Geschlechtergerechtigkeit als Chance im Strukturwandel

Der Strukturwandel im Rheinischen Revier kann daher auch als eine Chance betrachtet werden, die Gleichstellung von Frauen und Männern zu verbessern. Dafür müsste die Strukturpolitik allerdings eine Reihe von Maßnahmen beinhalten, die derzeit weniger im Fokus stehen:

  • Strukturpolitik im Rheinischen Revier sollte stärker die von Frauen dominierten Branchen in den Fokus nehmen, dort für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen sorgen (z. B. Erziehungsberufe, Pflegeberufe, etc.)
  • Strukturpolitik sollte mehr in die soziale Infrastruktur investieren – nicht nur in Form von Beton, sondern auch in Form von zusätzlichen Stellen und Angeboten für die Menschen im Revier
  • Strukturpolitik sollte für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Entscheidungsprozessen sorgen. Dafür braucht es ggf. neue Formate, die sich auch an Menschen wenden, die sich nur außerhalb der üblichen Geschäftszeiten engagieren können.
  • Strukturpolitik sollte auch den proaktiven Umgang mit entstehenden Konflikten in der Region und die Unterstützung für Haushalte in schwierigen Lagen adressieren.

Dabei gehen wir davon aus, dass diese und weitere Maßnahmen, die weniger auf die Schaffung von Arbeitsplätzen in Industrie, Forschung und Entwicklung abzielen, gleichzeitig einen wertvollen Beitrag zur Attraktivität der Region leisten und damit die gefürchtete Abwanderung von Fachkräften und junge Menschen abfedern könnte.

Strukturwandel ist Sorgearbeit

Der Strukturwandel wird häufig als technisches oder zumindest technokratisches Problem gesehen, das man nur analysieren muss und dann mit passenden Projekten in einem vorgegebenen Budget und Zeitrahmen lösen kann. Im Austausch mit Stakeholdern aus verschiedenen europäischen Kohleregionen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass eine solche Problemlösungs-Logik zu kurz greift und wir hin müssen zu einer Fürsorge-Logik.
Gemeinsam konnten wir der Analogie viel abgewinnen, den Strukturwandel mit der Erziehung von Kindern zu vergleichen. Wie Eltern gegenüber ihrer Kinder hat der Staat hat eine Pflicht, sich um die Strukturwandelregionen und die Menschen dort im wahrsten Sinne des Wortes zu kümmern. Strukturwandel braucht auch emotionale Arbeit. Gerechter Strukturwandel kann nur gelingen, wenn sich die Akteure gegenseitig vertrauen, genau wie in einer gesunden Beziehung zwischen Eltern und Kind. Und wie bei der Sorge für heranwachsende Kinder muss man auch in gewissem Maße Fehler und Scheitern zulassen. Und wie bei Kindern gilt, wenn es einer Region schlecht geht, benötigt sie mehr Zuwendung, das Projekt Strukturwandel einfach abzubrechen ist keine Option.

Lukas Hermwillle, Forschungsbereichsleiter
Transformative Industriepolitik

Fußnoten

  1. Daggett, Clara (2018): Petro-masculinity: Fossil Fuels and Authoritarian Desire, in: Millenium 47 (1), S. 25-44, DOI: https://doi.org/10.1177/0305829818775817.

Mehr Suffizienz wagen – so gelingt Klimaschutz für alle

Mehr Suffizienz wagen – so gelingt Klimaschutz für alle

Suffizienz ist die Strategie des rechten Maßes für Konsum und Produktion. Technische Klimaschutzmaßnahmen allein verfehlen ohne sie ihr Ziel. Suffizienz stellt für das Industrieland Nordrhein-Westfalen eine besondere Chance und Herausforderung dar.

Menschen sitzen auf einer großen Wiese in einem Park und schauen in den Sonnenuntergang.

Suffizienz ist die Strategie des rechten Maßes für Konsum und Produktion. Technische Klimaschutzmaßnahmen allein verfehlen ohne sie ihr Ziel. Suffizienz stellt für das Industrieland Nordrhein-Westfalen eine besondere Chance und Herausforderung dar.

Suffizienz hat das Potenzial, die Energiewende und die Transformation der Wirtschaft zu ermöglichen. Nach aktuellen Suffizienzszenarien kann durch eine entsprechende, politische Rahmengebung die Energienachfrage bis zur Mitte des Jahrhunderts um 14 bis 25 Prozent reduzieren. Das ist auch dringend nötig, denn der Weltklimarat IPCC [1] und der deutsche Expertenrat für Klimafragen (EKR) [2] sind sich einig: Ohne Suffizienz bzw. “Aktivitätsreduktion” ist die Einhaltung der Klimaziele gefährdet. Suffizienz ist außerdem möglich, denn im Jahr 2022 haben Verbraucher*innen, Unternehmen und die öffentliche Hand ohne ad hoc fast ein Viertel des Gasverbrauchs eingespart. [3] Es bedarf aber keiner weiteren, geo- und friedenspolitischen Katastrophen, um suffizientes Verhalten nicht nur zu ermöglichen, sondern sogar zur attraktivsten Lösung zu machen: Kopenhagen zeigt seit langem, dass eine herausragende Infrastruktur den Umstieg auf das Fahrrad zur sinnvollsten Lösung macht. Auch der aktuelle Koalitionsvertrag der Bundesregierung [4] greift erste, kleinteilige Suffizienzmaßnahmen auf (z. B. im Kontext von Online-Handel und Werbung). Suffizienz sollte dabei auf keinen Fall missverstanden werden – es geht nicht darum, Bedürfnisse zu beschneiden und das Leben komplizierter zu machen, als es heute schon ist. Es geht im Gegenteil darum, einfache und (energie-)sparsame Formen zu finden, wie alltägliche Bedürfnisse wie Mobilität und Wohnen befriedigt werden können. Einschränkungen von Konsumhandlungen sollten ohnehin erst dann erfolgen, wenn attraktive Alternativen verfügbar sind.

Suffizienz

liegt zwischen Exzess und der Befriedigung von Grundbedürfnissen

Am Wuppertal Institut definieren wir Suffizienz als Strategie zur Reduktion von Konsum- und Produktionsniveaus durch die Veränderungen sozialer Praktiken. Ziel ist, einerseits durch Vermeiden von Exzess und Überfluss ökologische Grenzen einzuhalten und andererseits allen Menschen die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse zu ermöglichen 

Suffizienz ist mehr als individuelles Verhalten: die Politik setzt den Rahmen

Ärmere Menschen leben häufig an vielbefahrenen Straßen [5] und in überbelegten Wohnungen [6]. Daher zählen sie zu den Profiteur*innen von Suffizienzpolitik, wenn diese gerecht gemacht wird. Sie profitieren, wenn sich durch suffizientes Mobilitätsverhalten das motorisierte Verkehrsaufkommen verringert und durch kluge Wohnraumpolitik [7] der Wohnraum bedürfnisorientiert verteilt wird.

In politischen Prozessen gibt es für Suffizienz unzählige Stellschrauben, darunter zum Beispiel:

  • Große Wohnungsunternehmen in wachsenden Städten NRWs könnten eine Mindestbelegungsquote im Bestand einführen, wie es sie z. B. in Zürich gibt. [8]
  • Eine Mehrwertsteuersenkung auf pflanzliche Grundnahrungsmittel, kann die Portemonnaies der Bürger*innen entlasten.
  • Werbeverbote für klimaschädliche Produkte wie SUV und Kreuzfahrten können den Energieverbrauch und Ressourcenbedarf ebenfalls senken.

Nordrhein-Westfalen kann Vorreiter der Suffizienzstrategie werden

Suffizienz als politische Strategie ist in Nordrhein-Westfalen aufgrund der vergleichsweise hohen Siedlungsdichte und des Energieverbrauches besonders wichtig, um Flächen zu sparen und die Transformation zu 100 % erneuerbaren Energien zu schaffen. Die Gesellschaft in NRW kann noch viel tun, um weniger Energie zu verbrauchen – und überhaupt zu benötigen.

Zukunftsimpuls:

Suffizienzpolitik als Booster zum Erreichen der Klimaschutzziele

Der aktuelle Zukunftsimpuls der Wuppertal Instituts zeigt, dass Suffizienzstrategien und -politik den Wandel bringen können – bei Konsum, Gebäuden, Verkehr, Kreislaufwirtschaft und Energie. Sie können ihn auf der Institutswebseite herunterladen.

Aber wie kann ein sinkender Konsum mit wirtschaftlichem Erfolg kombiniert werden? In NRW gibt es dafür vielversprechende Ansatzpunkte. Vielleicht wird NRW in Zukunft “Export-Weltmeister” im Umbauen, Sanieren, Reparieren, und urbanen Produzieren? Die Kreislaufwirtschaft kann ein Einstiegspunkt in die Suffizienzdiskussion sein, denn fünf der neun Circular Economy-Strategien[9], der sogenannten R-Strategien, sind praktisch Suffizienz bzw. haben Suffizienzanteile – „Refuse“, „Rethink“, „Reduce“, „Reuse“ und „Repair”. Die räumliche Nähe von Schlüsselakteuren einer Kreislaufwirtschaft ist definitiv eine der Stärken von NRW. Die Etablierung einer erfolgreichen Kreislaufwirtschaft bietet das Potenzial, Suffizienz aus der “Verzichtsschublade” herauszuholen. Ein weiteres Leitbild für eine suffizienzkompatible Wirtschafts- und Produktionsweise wurde im Bergischen Städtedreieck unter dem Stichwort „Neue Urbane Produktion“ [10] entwickelt. Neue Urbane Produktion beschreibt gemeinwohlorientierte Produktionsstätten, welche Güter nutzer*innen-nah herstellen und/oder bearbeiten sowie überwiegend lokale Ressourcen und/oder Wertschöpfungsketten nutzen.

Dr. Benjamin Best, Senior Researcher
im Forschungsbereich Strukturwandel und Innovation

Fußnoten

  1. IPPC (2022): „Climate Change 2022, Mitigation of Climate Change, Summary for Policymakers“, online unter: https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg3/downloads/report/IPCC_AR6_WGIII_SPM.pdf.
  2. Expertenrat für Klimafragen (2023): „Stellungnahme zum Entwurf des Klimaschutzprogramms 2023“, online unter: https://expertenrat-klima.de/content/uploads/2023/09/ERK2023_Stellungnahme-zum-Entwurf-des-Klimaschutzprogramms-2023.pdf.
  3. Ruhnau, O., Stiewe, C., Muessel, J. et al. (2023): „Natural gas savings in Germany during the 2022 energy crisis“, online unter: https://www.nature.com/articles/s41560-023-01260-5.
  4. SPD, Bündnis 90/ Die Grünen, FDP (2021): „Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90/ Die Grünen und FDP“, online unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/gesetzesvorhaben/koalitionsvertrag-2021-1990800.
  5. Umweltbundesamt (2023): „Umweltgerechtigkeit – Umwelt, Gesundheit und soziale Lage“, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/umwelteinfluesse-auf-den-menschen/umweltgerechtigkeit-umwelt-gesundheit-soziale-lage#umweltgerechtigkeit-umwelt-gesundheit-und-soziale-lage.
  6. Eurostat (2023): „Overcrowding rate by age, sex and poverty status – total population – EU-SILC survey“, online unter: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/ILC_LVHO05A__custom_8530615/default/table?lang=en.
  7. Bierwirth A., Buschka, M. (2023): „Wohnraumsuffizienz ermöglichen“, online unter: https://nachhaltigkeitsradar.nrw/wohnraumsuffizienz-ermoeglichen.
  8. Heintze, D. (2023): „Niemand redete von Umzugszwang…“, online unter: https://chrismon.evangelisch.de/kolumnen/wohnlage/wieso-die-pflicht-zum-wohnungstausch-in-zuerich-gerecht-ist.
  9. Deutsches Institut für Normung (o. A.): „Modell der R-Strategien“, online unter: https://www.din.de/de/forschung-und-innovation/themen/circular-economy/normenrecherche/modell-der-r-strategien.
  10. „Neue Urbane Produktion“, online unter: https://www.din.de/de/forschung-und-innovation/themen/circular-economy/normenrecherche/modell-der-r-strategien.
Local Heroes: Informationen für eine wirkungsstarke Klimaanpassung auf lokaler Ebene

Local Heroes: Informationen für eine wirkungsstarke Klimaanpassung auf lokaler Ebene

Lokale Klimafolgenanpassung kann besonders effektiv sein, wenn sie an die entsprechenden räumlichen Bedingungen angeglichen ist. Doch hierzu werden orts- und themenspezifische Informationen benötigt. Auch das Lokalwissen und die entsprechenden (Modell)Unsicherheiten sind hierfür zu berücksichtigen.

grüne Stadt

Lokale Klimafolgenanpassung kann besonders effektiv sein, wenn sie an die entsprechenden räumlichen Bedingungen angeglichen ist. Doch hierzu werden orts- und themenspezifische Informationen benötigt. Auch das Lokalwissen und die entsprechenden (Modell)Unsicherheiten sind hierfür zu berücksichtigen.

Wie kann eine Kommune mehr zum UV-Schutz ihrer Bevölkerung beitragen? Wie kann ein Waldbestand am Niederrhein möglichst klimastabil und standortgerecht angepasst werden? Und wie kann das Weserbergland seinen ökologischen Wasserzustand aufrechterhalten?
Um diese unterschiedlichen Fragen zu beantworten und sich effektiv an die Klimawandelfolgen anpassen zu können, brauchen Entscheidende spezifische Informationen, die stark vom Anpassungsfall und der jeweiligen örtlichen Begebenheit abhängen. Folgende Fragestellungen sind dabei relevant:

  1. Soll die Anpassung auf Ebene von Gemeinden, Landkreisen, Kommunen oder Regionen stattfinden?
  2. Was sagen die Klimaprojektionen für die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten voraus?
  3. Was sind die jeweiligen ortsspezifischen Risiken, die Karten nicht abbilden?

NRW besitzt acht klimatische Großlandschaften

Die Folgen des Klimawandels äußern sich je nach naturräumlichen Gegebenheiten unterschiedlich in NRW. So hat das Land NRW acht unterschiedliche klimatische Großlandschaften. Eine Unterteilung mit entsprechenden Factsheets findet sich hier.
Während die Klimaprojektionen beispielsweise für das Bergische -, Sieger- und Sauerland eine Zunahme des Niederschlags angeben, ist für das Niederrheinische Tiefland und die Bucht eine stärkere Hitzebelastung in den Ballungsräumen zu erwarten. Auf die Klimaanpassung im Wald, aber auch auf Städte und Gewässer haben diese regionsspezifischen Unterschiede durch Topographie und Landnutzung einen Einfluss. Daher ist es für Entscheidende zunächst hilfreich, die klimatischen Informationen der jeweiligen Großlandschaft zu kennen.

Übersicht über die acht Großlandschaften NRWs

Lokale Klimafolgenanpassung kann besonders effektiv sein, wenn sie an die entsprechenden räumlichen Bedingungen angeglichen ist. Doch hierzu werden orts- und themenspezifische Informationen benötigt. Auch das Lokalwissen und die entsprechenden (Modell)Unsicherheiten sind hierfür zu berücksichtigen.

Hilfreiche Informationen für eine wirkungsstarke lokale Klimaanpassung

Um Informationen zu spezifischen Themen und Ortschaften in NRW zu erhalten, können Entscheidende den Klimaatlas des LANUV frei nutzen. Er stellt vielfältige Karten mit Informationen zu Klima, menschlicher Gesundheit, Konzepten zur Klimaanpassung, Gründachkataster, etc. zur Verfügung. Waldbesitzende und Förster*innen finden zudem gesonderte Informationen auf waldinfo.nrw.

Entscheidende für kleine oder mittelgroße Städte können sich online auf dem Informationsportal Klimaanpassung in Städten (INKAS) des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zur Stadtentwicklung beraten lassen. Darüber hinaus stellt der DWD stetig aktualisierte Klimaprojektionsdaten durch das Climate Data Center frei zur Verfügung. Auch das Climate Service Center Germany (GERICS) bietet prototypische und regionsspezifische Produkte sowie Dienstleistungen für die Klimaanpassung.

Herausforderungen der Lokalen Klimaanpassung

Bei der lokalen Klimaanpassung ist aber auch zu berücksichtigen, dass die jeweiligen Projektionsdaten und Karten auf Modellen basieren und eine Reihe von Unsicherheiten mit sich bringen. Daher ist es wichtig, dass Landesbehörden diese Unsicherheiten und die dazugehörigen Hintergrundinformationen kommunizieren und hierzu beraten. Hier steht das LANUV als Anlaufstelle zur Verfügung. Zudem sollten bei der Entwicklung von Anpassungsmaßnahmen Zivilakteure mit spezifischen Lokalwissen einbezogen werden. Häufig kennen sie die Umgebung mit Gefahren und Potenzialen für die Anpassung besonders gut und können Risiken der Maßnahmen besser abschätzen.

Constanze Schmidt, Wissenschaftliche Referentin für strategische Themenfeldentwicklung Klimaanpassung

Fußnoten

Kosten der Umsetzungslücken beim Klimaschutz

Kosten der Umsetzungslücken beim Klimaschutz

Die Kosten-Nutzenrechnung von Klimaschutz ist wissenschaftlich nicht trivial, denn sowohl die Berechnung der monetären Kosten von Klimaschutz, als auch der globalen Erwärmung und ihrer Folgen unterliegen hohen Unsicherheiten.

"We don't have time"; Foto vom globalen Klimastreik am 20.9.2019.

Indirekte soziale Kosten des Klimawandels müssen bei der Beurteilung von Investitionen in den Klimaschutz mitgedacht werden. Auch wenn ihre Berechnung mit vielen Unsicherheit verbunden ist.

730 Milliarden Euro

Schäden durch den Klimawandel

erwartet beispielsweise Deloitte in den nächsten 50 Jahren bei ineffektiver Klimapolitik für Deutschland.

Eine aktuelle Studie [1] geht davon aus, dass die gesellschaftlichen Kosten von CO2- Emissionen („social costs of CO2“ = SCCO2) aufgrund vereinfachter und unvollständiger Annahmen in bisher verwendeten Modellen unterschätzt wurden. Es sind insbesondere unvorhersehbare Extrem-wetterereignisse und das Auftreten wissenschaftlich noch nicht valide greifbarer, ökonomischer Rückkopplungsschleifen, die den Wissenschaftler*innen Sorgen bereiten. Die Klima-forschung weiß schon lange, dass die direkten Folgen der globalen Erwärmung – und damit auch ihre direkten gesellschaftlichen Kosten – im Globalen Süden wesentlich schwerwiegender sein werden.[2] Der Umfang und die geografische Verteilung der indirekten sozialen und ökonomischen Kosten, wie zum Beispiel die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitzewellen und die oben erwähnten Rückkoppelungsschleifen in der Wirtschaft, ist dagegen für den Globalen Norden und damit auch für das Bundesland Nordrhein-Westfalen mit hoher Unsicherheit verbunden.

Transformation vs. Disruption

In einem eindrucksvollen Vergleich zeigt das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW Köln) am Beispiel der Covid-19 Pandemie, welche Kosten maximal disruptive Ereignisse – wie sie auch durch das Erreichen von Kipppunkten beim Klimawandel entstehen würden – im Vergleich zu den Kosten gezielter Transformationsinvestitionen haben können: „Den absoluten Einsparungen von 71 Millionen Tonnen CO2 steht ein Rückgang des BIP von 117 Milliarden Euro gegenüber“.[3] Daraus werden CO2-Vermeidungskosten von rund 1.645 Euro pro Tonne für den Lockdown abgeleitet. Demgegenüber stünden wesentlich geringere CO2-Vermeidungskosten von unter 100 Euro pro Tonne für viele der bereits verfügbaren Klimaschutztechnologien.

Nicht nur Kosten, sondern Chancen

Investitionen in den Klimaschutz sollten neben der Schadensvermeidung auch vor dem Hintergrund ihrer mittel- und langfristigen Effekte auf den Wohlstand und das Bruttoinlandsprodukt bewertet werden. So manifestieren sich die weltweit zugesagten Verschärfungen der Klimaschutzziele, im Rahmen der ver- gangenen UN-Klimakonferenz („COP26“), in einer tendenziell positiven Bewertung der zukünftigen Absatzchancen klima- freundlicher Produkte und Dienstleistungen durch deutsche Unternehmen. Eine Studie von Deloitte aus dem Jahr 2021 kommt sogar zu dem Schluss, dass Deutschland „eine der ersten Regionen in Europa sein“ wird, die von den wirtschaftlichen Vorteilen ambitionierter Klimaschutzmaßnahmen profitieren kann, wenn es sich „frühzeitig dafür entschieden hat“.[4]

Michaela Roelfes, Senior Researcherin
im Forschungsbereich Stadtwandel

Dr. Sascha Samadi, Senior Researcher
im Forschungsbereich Sektoren und Technologien

  1. Kikstra, Jarmo S. et al. (2021): „Social costs of carbon dioxide under climate-economy feedbacks and temperature variability”, in: Environmental Research Letters, Vol. 16, online unter: https://doi.org/10.1088/1748-9326/ac1d0b (zuletzt aufgerufen am 09.11.2021).
  2. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, 2021): Annex I: Global to Regional Atlas. Climate Change 2022. Impacts, Adaptation and Vulnerability, online unter: https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/downloads/report/IPCC_AR6_WGII_Annex-I.pdf (zuletzt aufgerufen am 30.03.2022).
  3. Fischer, Andreas und Sarah Fluchs (2021): „Investitionen in den Klimaschutz: Die Kosten des Wartens“, IW-Kurzbericht 46/2021, S. 3, online unter: https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Kurzberichte/PDF/2021/IW-Kurzbericht_2021-Kosten-des-Wartens.pdf (zuletzt aufgerufen am 21.12.2021).
  4. Deloitte (2021): Der Wendepunkt – Wie Deutschland vom Kampf gegen den Klimawandel profitieren kann, online unter: https://www2.deloitte.com/content/dam/Deloitte/global/Documents/gx-tp-executive-summary-germany.pdf (zuletzt aufgerufen am 14.01.2022).

Just Transition als Akzeptanz­strategie

Just Transition als Akzeptanz­strategie

Ambitionierte Maßnahmen zum Klimaschutz werden in Europa spätestens seit den Protesten der sogenannten Gelbwesten in Frankreich 2018/2019 mit einem erhöhten Risiko für das Erstarken von (rechts-)populistischen Parteien und einer Sorge um die demokratische Stabilität assoziiert. Im Kern dieser wahrgenommenen Gefahr liegt eine als ungerecht empfundene Verteilung der Kosten und Nutzen anstehender Transformationen.

Foto eines Protest der Gelbwestenbewegung in Frankreich

Das Anerkennen bestehender Ungerechtigkeiten und eine konsequente Verfahrensgerechtigkeit durch Beteiligung und Transparenz könnten populistischen Tendenzen weniger Angriffsfläche bieten.

In der Debatte um die sozial-ökologische Transformation werden zumeist antizipierte zukünftige Ungerechtigkeiten besprochen. Bestehende, das heißt im aktuellen System existierende und unter Umständen sogar aus diesem System entstehende, Ungerechtigkeiten werden nur selten explizit diskutiert. Eine auf Vollständigkeit bedachte Betrachtung sozial-ökologischer Transformation muss sowohl die künftigen als auch die gegenwärtigen (Un-)Gerechtigkeitswirkungen in den Blick nehmen. [1]

recognition justice

Wörtlich übersetzt heißt recognition justice Anerkennungs-Gerechtigkeit. Gemeint ist damit die Anerkennung von Gerechtigkeits-Wirkungen, die aus der bestehenden sozialen Struktur und sozialen Prozessen entstehen. [2]

Das international viel diskutierte Konzept der Just Transition [2] ist ein Ansatz im Umgang mit der Frage, wie umfassende Transformationsprozesse gerecht gestaltet werden können, der sich um ein solch vollständiges Bild bemüht: Just Transition kann in Bezug auf die Zukunft sowohl ergebnisorientiert als Verteilungsgerechtigkeit, als auch im Sinne der Prozessgerechtigkeit während der Transformation verstanden werden. Mit dem Ansatz der recgonition justiced ist allerdings auch eine Analyse und Anerkennung bestehender Ungerechtigkeiten gefordert, sodass der Fokus auf besonders vulnerable Gruppen in der Gesellschaft gelegt wird.

Multiple Gründe für Gelbwesten-Proteste

Eine Analyse der Agora Energiewende zeigt für den Fall der Gelbwesten-Proteste, dass diese sich nicht alleine an einem erhöhten CO2-Preis entzündeten. Insbesondere die zuvor umgesetzten Reformen, die sich vor allem auf die 20 % der einkommensschwächsten Haushalte und Rentner*innen negativ auswirkten, bereiteten einen Nährboden. Die französische Ausgestaltung des CO2-Preises als Klimabeitrag ohne Rückverteilungskomponente belastete diese Bevölkerungsgruppen überproportional und wurde aus Sicht der Protestierenden ohne ihre Beteiligung vom „Präsident der Reichen“ eingeführt. [3] Letzteres korrespondiert mit einem wesentlichen Element populistischer Bewegungen, die ihr Selbstverständnis weniger über spezifische, fachpolitische Anliegen, sondern vor allem über eine Abgrenzung zu (wahrgenommenen) Eliten und deren fahrlässigen Entscheidungen generieren. [4]

Die Gelbwesten-Bewegung ist ein Beispiel für die Bedeutung des Gerechtigkeitsbegriffs im Kontext großer Transformationsvorhaben, das in Bezug auf die Akzeptanz des anstehenden, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels in NRW lehrreich sein kann. Das Anerkennen bestehender Ungerechtigkeiten und eine konsequente Verfahrensgerechtigkeit durch Beteiligung und Transparenz, im Sinne der just transition, könnten also der Schlüssel sein, um populistischen Tendenzen bei der Gestaltung des gerechten Strukturwandels weniger Angriffsfläche zu bieten.

Michaela Roelfes, Senior Researcherin im 
Forschungsbereich Stadtwandel des Wuppertal Instituts

Dr. Lukas Hermwille, Senior Researcher im Forschungsbereich
Internationale Klimapolitik des Wuppertal Instituts

Fußnoten

  1. Kanger, Laur und Benjamin K. Sovacool (2022): “Towards a multi-scalar and multi-horizontal framework of energy injustice: A whole systems analysis of Estonian energy transition”, in: Political Geography, Vol. 93, 102544, online unter: https://doi.org/10.1016/j.polgeo.2021.102544 (zuletzt aufgerufen am 13.01.2022).
  2. Wang, Xinxin & Kevin Lo (2021): „Just Transition: A conceptual review“, in: Energy Research & Social Sciences, Vol. 82, 102291, online unter: https://doi.org/10.1016/j.erss.2021.102291 (zuletzt aufgerufen am 10.11.2021)
  3. Agora Energiewende (2019):Die Gelbwesten-Proteste: Eine (Fehler-)Analyse der französischen CO2-Preispolitik, online unter: https://static.agora-energiewende.de/fileadmin/Projekte/2018/CO2-Steuer_FR-DE_Paper/Agora-Energiewende_Paper_CO2_ Steuer_FR-DE.pdf (zuletzt aufgerufen am 30.03.2022).
  4. Huber, Robert A. et al. (2021): “Is populism a challenge to European energy and climate policy? Empirical evidence across varieties of populism“, in: Journal of European Public Policy, Vol. 28, S. 998-1017, online unter: https://doi.org/10.1080/13501763.2021.1918214 (zuletzt aufgerufen am: 10.11.2021).

Steigende Energiepreise

Steigende Energiepreise

Die Politik muss Maßnahmen ergreifen um die langfristige Vulnerabilität von Haushalten gegenüber steigenden Energiekosten zu reduzieren und die Wärme- und Verkehrswende vorantreiben.

Diagramm: Entwicklung der Erdgaspreise (Neuverträge) in Cent/kWh für Haushalte in Mehrfamilienhäusern in Deutschland, Daten auf Basis der BDEW-Gaspreisanalysen

Die Politik muss Maßnahmen ergreifen um die langfristige Vulnerabilität von Haushalten gegenüber steigenden Energiekosten zu reduzieren und die Wärme- und Verkehrswende vorantreiben.

Die steigenden Energiepreise machen den Bürger*innen, der Politik und der Wirtschaft bereits seit Monaten Sorgen. Der Krieg in der Ukraine und die nun deutlich hervortretende Abhängigkeit von fossilen Energieimporten verschärfen diese Sorgen weiterhin. Es sind insbesondere armutsgefährdete und arme Haushalte, für die steigende Treibstoff-, Heiz- und Stromkosten eine erhebliche Belastung darstellen. Bereits 2019 waren z. B. 48,3 % der armutsgefährdeten und 8 % der nicht-armutsgefährdeten Haushalte durch ihre Wohnkosten überbelastet.[1]

Politische Sofortmaßnahmen, wie das kürzlich von der Bundesregierung beschlossene Entlastungspaket [2] sowie der bereits Anfang Februar beschlossene Heizkostenzuschuss [3] können wichtige, kurzfristige Wirkungen entfalten. Aber sie reduzieren die mittel- und langfristige Vulnerabilität von Haushalten nicht. Vielmehr müssen die Wärmewende [4] und Verkehrswende [5] strukturell beschleunigt werden, um die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und -importen zu reduzieren und den Klimaschutz voran zu treiben. Gerade weil sich durch die aktuelle, geopolitische Situation kurzfristig negative Effekte von Energieversorgungsmaßnahmen auf die Energiewende und den Klimaschutz wahrscheinlich nicht verhindern lassen, müssen diese mittelfristig „durch ein höheres Dekarbonisierungstempo durch den Ausbau erneuerbarer Energien“ ausgeglichen werden.[6]

Die Landesregierung NRW könnte ergänzend zu den bundespolitischen Maßnahmen in Bezug auf verhaltensbezogene Einsparungspotenziale tätig werden. Vereinzelt werden entsprechende Maßnahmen derzeit bereits diskutiert, so z. B. die Reduzierung von Heiztemperaturen. Die Landesregierung könnte die Bürger*innen bei der Anwendung solche Maßnahmen durch niedrigschwellige Informationen und konkrete Alltagsempfehlungen unterstützen. Darüber hinaus kann sie ihr eigenes Instrumentarium hinsichtlich der Schaffung von Anreizstrukturen für suffizientes Verhalten prüfen.

Michaela Roelfes, Senior Researcherin
im Forschungsbereich Stadtwandel

Fußnoten

  1. Statistisches Bundesamt (2021): Nachhaltige Entwicklung in Deutschland. Daten zum Indikatorenbericht 2021, online unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Nachhaltigkeitsindikatoren/Publikationen/Downloads-Nachhaltigkeit/ indikatoren-5850013219004.pdf;jsessionid=91979B6B95FDDBB2F623206D0D85A7DC.live741?__blob=publicationFile (zuletzt aufgerufen am 21.12.2021)
  2. Bundesministerium der Finanzen (2022): Schnelle und spürbare Entlastungen. Pressemitteilung, online unter: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Schlaglichter/Entlastungen/schnelle-spuerbare-entlastungen.html (zuletzt aufgerufen am 30.03.2022).
  3. Bundesregierung (2022): Höherer Heizkostenzuschuss beschlossen, online unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/heizkostenzuschuss-2002324 (zuletzt aufgerufen am 30.03.2022)
  4. Thomas, Stefan et al. (2022): Heizen ohne Öl und Gas bis 2035. Ein Sofortprogramm für erneuerbare Wärme und effiziente Gebäude, online unter: https://www.greenpeace.de/publikationen/Heizen%20ohne%20Öl%20und%20Gas%20bis%202035.pdf (zuletzt aufgerufen am 30.03.2022).
  5. Koska, Thorsten et al. (2021): Klimapaket Autoverkehr. Mit welchen Maßnahmen der PKW-Verkehr in Deutschland auf Klimakurs kommt, online unter: https://www.greenpeace.de/publikationen/20210816_gpd_klimapaket.pdf (zuletzt aufgerufen am 30.03.2022)
  6. Fischedick, Manfred (2022): Energieversorgungsrisiken, Energiepreiskrise, Klimaschutzherausforderung. Wie sieht die Energieversorgung von morgen aus?, online unter: https://wupperinst.org/a/wi/a/s/ad/7665 (zuletzt aufgerufen am 30.03.2022).